In ganz heimeliger Atmosphäre, einem kleinen Jazz-Club, in dem Jarrett schon als 16-Jähriger aufgetreten war, spielte im September 1992 das Trio Gary Peacock, Paul Motian und Keith Jarrett. Mehr als durch den anderen Drummer (Motian statt Jack DeJohnette) unterscheidet sich "At The Deer Head Inn" von den anderen Live-Aufnahmen des Standards-Trios in Stammbesetzung dadurch, dass eben nicht in einem großen Konzertsaal oder unter freiem Himmel (wie bei "Up For It") gespielt wurde, sondern in einem kleinen Club. Diese spezielle Stimmung überträgt sich auf die Titel, die allesamt sehr cool klingen. Man könnte sich alle drei Musiker auch mit Zigarette im Mundwinkel vorstellen. Zwischendurch wird gelacht, geschäkert, mit dem Publikum gesprochen.
Beim Opener "Solar" ist das aber nicht unbedingt ein Ausweis allerbester Interpretationskunst. Die Nummer wirkt etwas humpelnd und schleppend, vor allem im Vergleich mit der extrem spritzigen Solo-Einspielung von "Solar" auf der "Solo Tribute"-DVD. "Basin Street Blues" ist dagegen ein auf den Punkt exakt stimmiger Blues, der grandios die Atmosphäre des "Deer Head Inn" widerspiegelt. "Chandra", das dritte Stück, ist etwas nichtssagend geraten - ganz im Gegensatz zum sehr streng, getragen, dennoch mitreißend intensiv gespielten "You Don't Know What Love Is", dem besten Titel des Albums. "You And The Night And The Music", eine Uptempo-Nummer, ist nett anzuhören, gibt es aber in anderen Trio-Aufnahmen in besserer Version (z.B. auf der "Standards II"-DVD). "Bye Bye Blackbird" repräsentiert dann wieder wunderbar den coolen Grundsound der Platte, ebenso der sehr schöne letzte Titel, "It's Easy To Remember".
Wegen einiger kleinerer Durchhänger: vier Sterne!