Man kann "22 Dreams" noch nicht auswendig, da kündigt Paul Weller ein 4-CD-Boxset mit BBC-Aufnahmen an - gereiztes Schulterzucken bei Komplettisten, resignierte Grimassen schliesslich beim Gedanken an den nachgeschobenen Release einer Triple-LP mit abweichendem Tracklisting; wird natürlich trotzdem alles gekauft und sein Geld auch wert sein, denn Paul Weller macht keine schlechten Sachen. Aber dass am Ende sogar was richtig Interessantes bei rauskommt, das überrascht dann doch: Stärker als die 2003 erschienene B-Seiten-Compilation "Fly On The Wall" vermittelt dieser erwartungsgemäß geschmackvoll aufgemachte Riemen einen wahrlich Ehrfurcht gebietenden Eindruck davon, wie viel eigentlich ausnahmslos gute Musik Paul Weller der Welt schon hinterlassen hat. Man wusste das ja irgendwie, weil man sich mit Weller bisschen auskannte, Style Council bewundert und Jam geliebt hatte...hierzu aber folgende Anekdote, neulich beim Paul-Weller-Konzert in HH: Weller spielt Jam-Klassiker (diesmal "Butterfly Collector"), und man nimmt das so wohlwollend zur Kenntnis, aber vor 10 Jahren in solch einem Moment, da hätte man ja komplett seine Würde verloren, man wäre durchgedreht, WEIL WELLER EINEN JAM-SONG SPIELT!
In genau diese Kerbe haut "Weller At The BBC". Ihm ist erspart geblieben, vor allem als Typ, der da-und-da gespielt hat, wahrgenommen zu werden; seine Legitimation als Künstler daraus zu gewinnen, dass er mal was Legendäres gemacht hat; sich mit halbwegs heiler Haut durch ein "Danach" zu schleppen, höflichen Respekt zu ernten aber mit Dank überschüttet zu werden, wenn er den alten Kram bringt.
Dennoch: Die interessanteste Sequenz inmitten dieser 74 Tracks ist ein Mitschnitt vom Januar 1991, aus dem "Town & Country" in London. Erst im Vorjahr waren Style Council implodiert, neues Material in Arbeit aber auf der Setlist "My Ever Changing Moods", "Speak Like A Child" und "Man Of Great Promise" - und wie werden diese Nummern hier schon GEROCKT, verglichen mit der Zeit ihres erstmaligen Auftauchens! Aber wie sehr nach 80er-Jahre-Soulpop-Zeug klingt das trotzdem mit diesen Bläsersätzen, wenn man Wellers heutigen Sound im Ohr hat...ein Dokument des Übergangs, wie es spannender nicht sein könnte! Ein Jahr drauf erschien seine erste Solo-Platte (von der "Kosmos" gegeben wird, mit bizarren Double-Kick-Sperenzchen von Steve White!), und da war das sich Orientierende, noch nicht bei sich selbst Angekommene, meinetwegen das Provisorische einem schlüssigen Konzept gewichen.
Aber auch der Geist von The Jam (So nannte es heute ein guter Freund des Rezensenten.) war wohl nie weg, auch wenn mancher Style-Council-Song sich so angehört haben mag: Wenn er in der 1. Strophe von "Peacock Suit", nach einer wild kochenden "Brushed"-Version zwischen 2 Zeilen "More Voice!" blafft, weiss man, was Primal-Scream-Bassist Mani meint, wenn er sagt: "His Music today is still every bit as sharp as punk." - weil der so IST! Keine wohltemperierte Elder-Statesman-Gemütlichkeit, nicht mit Paul Weller. Nicht mal, wenn er beseelte Akustikversionen seiner Lieder spielt, und sowas gibt's hier reichlich (u.a. erstmals das unverwüstliche "Broken Stones"). Und auch nicht, wenn er Karriere-Retrospektiven wie diese rausbringt. Paul Weller ist gesegnet und sein Weg noch weit - oder wie er es selbst im Vorwort des Booklets (viel einfacher und schöner als ich) ausdrückt: "That's what I do, I mean I write, and make records, but essentially what I do is playing music live to people. It's my life. It's what I'm here on earth to do."