Astro City. Busiek. Anderson. Ross. Muss man noch mehr sagen?
Okay. "The Dark Age 2: Brothers in Arms" ist offenkundig die Fortsetzung von "The Dark Age 1: Brothers and Other Strangers". Und die gesamte "Dark Age"-Saga war ursprünglich als Fortsetzung von Busieks Meisterwerk "Marvels" aus dem Jahr 1994 angelegt. Letztendlich hat sich Busiek jedoch entschlossen, die Geschichte statt im Marvel-Universum vielmehr in einer eigenständigen Welt anzusiedeln. Und weil er davon ausging, dass die Geschichte mit gänzlich unbekannten Superhelden und -schurken nicht dieselbe Wirkung beim Leser haben kann wie mit Spider-Man, Captain America, den X-Men und Konsorten, hat er sich erst mal darauf konzentriert, mit "Astro City" eine eigene Welt aufzubauen. Erst zehn Jahre später begann er mit der Veröffentlichung der Saga, derentwegen er die Serie seinerzeit überhaupt erst ins Leben gerufen hatte.
Der Vorgängerband, "The Dark Age 1", der die Miniserien "The Dark Age Book 1" und "Book 2" zusammenfasst, spielte in den 70er Jahren ("Book 1" 1972/73, "Book 2" 1976/77). Im Mittelpunkt der gesamten "Dark Age"-Saga stehen die Brüder Charles und Royal Williams, deren Eltern 1959 von einem Mitglied der Verbrecherorganisation Pyramid ermordet wurden. Charles wurde zu einem gesetztestreuen Polizisten, der die Korruption seiner Kollegen vorzugsweise einfach ignoriert, während Royal zu einem Kleinkriminellen wurde, der es vorzog, sich von allzu auffälligen Verbrechen fernzuhalten. Beide Brüder einte die Tatsache, dass sie auf kostümierte Superhelden nicht gut zu sprechen waren, da sie dem Silver Agent (der mit seinem Namen sinnbildlich für das "Silver Age" der US-Superheldencomics steht) die Mitschuld am Tod ihrer Eltern gaben.
Im Verlauf von "The Dark Age 1" war Royal durch Zufall dem Mörder seiner Eltern begegnet und hatte seinem Bruder, der von seinen korrupten Kollegen niedergeschossen worden war, das Leben gerettet. Zudem hatte es in Astro City einen Bandenkrieg gegeben, an dessen Ende der "Deacon" an die Spitze des organisierten Verbrechens in der Stadt aufgestiegen war, und der Silver Agent war wegen der Ermordung eines ausländischen Staatsoberhauptes zum Tode verurteilt und hingerichtet worden, jedoch hatte sich herausgestellt, dass er vor seinem Tod noch eine Zeitreise unternommen hatte, so dass er Astro City bzw. die gesamte Welt noch mehrmals retten würde.
Hier knüpft nun der vorliegende Band, "The Dark Age 2", an, der die Miniserien "The Dark Age Book 3" und "Book 4" zusammenfasst. Die erste Hälfte spielt 1982 und handelt davon, dass sich der aus dem Gefängnis entlassene Royal bei Pyramid einschleicht, um an Aubrey Jason, den Mörder seiner Eltern, heranzukommen. Derweil ist der wieder genesene Charles der Regierungsorganisation EAGLE beigetreten und nutzt seinen Bruder als Kontaktperson, um Pyramid schrittweise auszuschalten. Während im Hintergrund Superhelden inklusive des zeitreisenden Silver Agent gegen Pyramid und kosmische Bedrohungen wie den "Incarnate" kämpfen, sind die Williams-Brüder nur an ihrem privaten Rachefeldzug interessiert.
Die zweite Hälfte des Bandes und damit das Finale der "Dark Age"-Saga spielt 1984. Auf der Jagd nach Aubrey Jason sind die Williams-Brüder mittlerweile selbst zu kostümierten Kämpfern geworden - wie Royal selbst im Rückblick erkennt, fehlten ihnen nur noch Masken, Logos und ein griffiger Name. Am Ende treffen alle aufeinander - der zu "Lord Sovereign" gewordene Aubrey Jason, die Williams-Brüder und sogar der zeitreisende Silver Agent, und Royal ist der erste, der erkennt, dass er und sein Bruder sich mittlerweile kaum noch von den von ihnen so verachteten Superhelden und -schurken unterscheiden.
Der Epilog der Serie führt den Leser zurück an den Anfang der gesamten "Astro City"-Serie und erklärt ein Ereignis, das im allerersten Sammelband, "Life in the Big City", bereits gezeigt wurde, symbolisch zum Ende des titelgebenden "dunklen Zeitalters".
Die gesamte "Dark Age"-Saga kann als Busieks Kommentar zur Entwicklung der Comic-Superhelden im Laufe der Jahrzehnte verstanden werden. Symbolik ist in "Astro City" seit jeher weit verbreitet - nicht ohne Grund spielt der Name des "Silver Agent" schließlich auf das "Silver Age" an. Überraschend ist eigentlich nur die Zeitspanne, in der Busiek das "dunkle Zeitalter" verortet: Statt in den 90er Jahren, die mit der Gründung des Image-Verlags eine ganze Flut an mörderischen Killer-"Helden" mit Namen wie "Deathblow", "Pitt", "Youngblood" oder "Bloodstrike" auf den Leser und kaskadenartige Schicksalsschläge (inklusive von den Image-"Helden" inspirierten Kostümwechseln) auf etablierte Marvel- und DC-Helden losließen, siedelt Busiek das "Dark Age" vielmehr bereits in den 70er und frühen 80er Jahren an. Auch dies ist nicht komplett von der Hand zu weisen - war Marvels Punisher, der 1974 erstmals auftrat, doch einer der ersten Comic-Antihelden, die ohne Skrupel über Leichen gingen. Dass Busiek jedoch das "Dark Age" bereits 1986 mit John Byrnes modernisierter "Man of Steel"-Neuinterpretation von DCs Superman beendet sieht, dürfte auf jedem Fall der Veröffentlichungsgeschichte Astro Citys geschuldet sein - sind es doch Werke wie Frank Millers "Batman: Die Rückkehr des Dunklen Ritters" und Alan Moores "Watchmen" (beide ursprünglich 1986/87 erschienen), die von Comic-Experten überhaupt erst als Beginn des "dunklen Zeitalters" angesehen werden, während die erste Ausgabe von "Astro City" 1995, im tiefsten dunklen Zeitalter, erschien.
Nichtsdestotrotz ist "The Dark Age" eine gelungene Parabel auf Selbstjustiz und blinde Rachsucht und zugleich ein Lobgesang auf "klassische" Superhelden, die noch über einen funktionierenden Wertekodex verfügen. Wie die gesamte Serie leistet auch die "Dark Age"-Saga letztendlich einen Beitrag zu der als "Reconstruction" bezeichneten Bewegung, die versucht, Elemente klassischer Superheldenerzählungen an moderne Erzählmuster anzupassen und damit zu verdeutlichen, dass die "Werte von gestern" auch im Hier und Heute nach wie vor Bestand haben können. Am Ende ist der wahre Held eben doch noch derjenige, der seine Gegner nicht kaltblütig exekutiert.
Unterstützt wird die Geschichte wie immer durch die Zeichnungen von Brent Anderson, der mit seinem realistischen, klassisch-zeitlosen Strich einen wohltuenden Kontrast zu den effektorientierten Grafikorgien mit muskelstrotzenden Heroen und Spargel-Girls mit überdimensionierten Oberweiten, wie sie seit den 90er Jahren leider viel zu häufig anzutreffen sind, bildet. Alex Ross schließlich verleiht der Serie mit seinen gemalten, fotorealistischen Covern den letzten Schliff. Besonders erfreulich ist die Tatsache, dass die Cover im Gegensatz zu vielen anderen Serien heutzutage, die ihre Helden vorzugsweise schlicht in generischen, austauschbaren Posen auf den Titeln zeigen, tatsächlich einen deutlichen Bezug zum Inhalt haben.
Abgerundet wird der Band schließlich von einem Vorwort von Ex-Batman-Autor Ed Brubaker sowie dem obligatorischen Bonusmaterial, das verschiedene Entwürfe für die Figuren der Geschichte bietet - von Anderson, Ross und gelegentlich sogar von Busiek selbst, was jedes Mal von spitzen Kommentaren begleitet wird.
Fazit: Für Fans von Astro City und Leser, die bereits "The Dark Age 1" mochten, ohne Frage ein Pflichtkauf. Für alle anderen, die einmal eine gute Superheldengeschichte lesen wollen und dabei auf die allseits bekannten Spider-, Bat- und Supermänner und Wolverines verzichten können, ist dieser Band gemeinsam mit dem ersten Teil und sowieso die komplette Serie aus tiefstem Herzen empfehlenswert. Ich habe mit dem ganzen Marvel- und DC-Kram eigentlich schon vor Jahren abgeschlossen - Astro City ist die einzige Serie, die ich immer noch sehr gerne lese. Und da eine deutsche Veröffentlichung durch Panini aufgrund der Verkaufszahlen der bisher erschienenen Bände mit ziemlicher Sicherheit ausgeschlossen ist, bleibt halt nur der Griff zum Original. Zugreifen!