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Inzwischen sind über hunderttausend Artikel, Notizen und Rezensionen über die beliebteste Kinderbuchautorin weltweit geschrieben worden. Da scheint es schwierig, den Überblick zu behalten. Der schwedischen Journalistin und Kinderbuchautorin Margareta Strömstedt ist dieses Kunststück gelungen. Ihr "Lebensbild" ist das faszinierende Porträt einer faszinierenden Frau. Vielleicht liegt es daran, dass Strömstedt in Småland geboren wurde, wo auch Lindgren eine glückliche Kindheit verlebte. Offenbar kann man dort nicht nur das Erzählen, sondern auch das Schreiben lernen. --Thomas Köster -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Frauenbiographien (auch) als Jugendlektüre
«Journalistin ein Traumberuf?» Das fragt Maren Gottschalk im Prolog zu ihrem Buch «Der geschärfte Blick», in dem sie die Lebensgeschichten von sieben Journalistinnen nachzeichnet. Weiter will sie wissen: «Wo sind die Grossen des Fachs, an deren Lebens- und Berufsweg man sich messen . . . kann?» Was dann erzählt wird, sind aber keine Glorifizierungen von tadellosen Biographien, sondern sachliche Lebensberichte, zwar mit spürbarer Bewunderung und mit Anteilnahme geschrieben, aber auch voller Fragezeichen und eingeräumter Lücken. «Die Frauen in diesem Buch sind keine makellosen Vorbilder, keine unangreifbaren, fehlerlosen Wesen. Und dennoch sind sie Heldinnen, denn sie haben es trotz grossen Widerständen geschafft, ihren eigenen Weg zu gehen», erklärt Gottschalk denn auch die Auswahl ihrer Protagonistinnen von Janet Flanner bis zu Alice Schwarzer. Das Buch steht in einer Reihe von biographischen Publikationen über Frauen, die in letzter Zeit unter anderem im Verlag Beltz & Gelberg erschienen sind und Künstlerinnen, Politikerinnen, Philosophinnen oder Wissenschafterinnen verschiedener Zeiträume porträtieren.
Paradigmenwechsel
Die Frauen haben sich also auch in der Gattung Biographie ihren Platz erobert, nachdem bis in die 1970er Jahre vor allem die Männerleben als erzählerisch interessant und lukrativ gegolten hatten. Die Vorbildfunktion ist jedoch weitgehend geblieben, sie haftet der Frauen- wie der Männerbiographieschreibung bis in die heutige Zeit an, besonders wenn sie sich auch oder vor allem an ein jugendliches Publikum richtet. Dass sich allerdings die Vorstellung davon stark gewandelt hat, was und wer ein Vorbild sei und wie ein solches im Zeichen der Identitätsentwicklung junger Leserinnen und Leser instrumentalisiert werden kann, weist fundiert und plausibel Dorothee Hesse-Hoerstrup nach in ihrer Dissertation mit dem Titel «Lebensbeschreibungen für junge Leser. Die Biographie als Gattung der Jugendliteratur am Beispiel von Frauenbiographien». Sie konstatiert einen Paradigmenwechsel in den letzten Jahren, wobei sich die zeitgenössische biographische Jugendliteratur davon entfernt habe, Helden und ihre Taten in fiktionalen und spekulativen Erzählungen und Romanen zu verherrlichen. Stattdessen überwiegen informierende und analysierende Darstellungen. Diese beruhen oft auf einer eingehenden Quellenarbeit. Die Biographie wird nicht mehr als ein geschlossenes Lebensbild, sondern als eine Mischung zwischen Rekonstruktion und Konstruktion präsentiert. Hesse-Hoerstrup weist ausserdem darauf hin, dass zeitgenössische biographische Jugendliteratur sowohl inhaltlich wie darstellungstechnisch kaum mehr von vergleichbaren, an erwachsene Leser gerichteten Biographien unterschieden werden kann.
Dass in neuerer biographischer Literatur so viele Frauenfiguren auftauchen, hat mindestens zwei Gründe: Einerseits werden heute emanzipatorische Leistungen normativ höher bewertet, als dies noch vor einigen Jahrzehnten der Fall war. Anderseits hat die Wahl vorbildhafter Protagonist innen wohl auch einen pragmatischen Grund. Statistisch ist nachgewiesen, dass Biographien vor allem eine weibliche Leserschaft haben, wobei diese, wen wundert's, Frauen als Identifikationsfiguren vorzieht. Die sieben biographischen Journalistinnenporträts von Gottschalk bieten solche Möglichkeiten spezifisch weiblicher Identifizierung, indem sie Wege zeigen, wie Frauen sich in einem männlich dominierten Gebiet auf je eigene Weise durchgesetzt haben. Zur direkten Nachahmung sind sie allerdings nicht geschrieben, kostet doch Gottschalk das Leid beispielsweise im Lebensbild von Milena Jesenská ziemlich literarisch aus.
Phänomen Lindgren
Der Biographie einer weiteren schreibenden Frau widmet sich die schwedische Journalistin Margareta Strömstedt. Mit Astrid Lindgren stellt sie Leben und Werdegang der wohl berühmtesten noch lebenden Kinderbuchautorin dar. Sie nähert sich dem Phänomen Lindgren behutsam und sehr diskret an. Mehr als Gottschalk stellt Strömstedt die Schattenseiten des Daseins ihrer Protagonistin in den Hintergrund des Berichts, ohne sie zu verschweigen. Die nahezu idyllische Kindheit der Autorin in Småland nimmt aber im Buch den grössten Raum ein und wird immer wieder mit der Welt in den Büchern verglichen. Strömstedt hat sich offenbar vorgenommen, weniger das Verborgene eines Lebens als vielmehr das Geheimnis der Qualität von Lindgrens Geschichten aufzudecken. So schwelgt sie förmlich in den Zitaten, und jede Leserin, die mit Pippi, Rasmus, Michel oder den Bullerbü-Kindern aufgewachsen ist, tut es mit ihr. Sie verzeiht ihr dabei sogar einige nostalgische Idealisierungen, die Strömstedt, ganz zeitgenössische Biographin, selbst nicht unreflektiert lässt.
Christina Thurner -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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