Ich tue mir schwer mit diesem Buch, vor allem tue ich mir schwer mit der deutschen Redaktion.
Vivi Edström analysiert Astrid Lindgrens Werk. Sie ist Literaturwissenschaftlerin, und entsprechend geht sie vor: Motive, wiederkehrende Topoi, Personen, die in einem Buch erschaffen und in einem anderen vergleichbar wiederaufgenommen werden; Quellen und Bezüge, die restliche Kinderbuchliteratur des entsprechenden Zeitraumes, alles wird einbezogen: sie zeigt (oder deutet an, manchmal nur), wie Astrid Lindgren mit den Motiven spielt, mit den gleichzeitig erschienenen Büchern spielt und sie stellenweise konterkariert. Das als Thema ist spannend, das ist sogar wahnsinnig spannend.
Die Umsetzung ist weniger gelungen, was, wie gesagt, teilweise auch auf die deutsche Redaktion zurückzuführen ist:
- persönliche und völlig subjektive Probleme habe ich mit der persönlichen (oder wissenschaftlichen?) Einschätzung der Autorin, "Mio mein Mio" sei die Krone des schriftstellerischen Schaffens von Astrid Lindgren. Auch wenn ich das Buch mag, so bevorzuge ich persönlich nicht das Märchenhafte im lindgrenschen Universum. Meine persönlichen Favoriten bleiben nach wie vor die Bücher über eine Idylle, die niemals so richtig eine war ("Rasmus und der Landstreicher", aber in ganz starkem Maße auch "Michael in Lönneberga") oder die bittersüßen Schilderungen der zerbrechenden Idylle ("Madita und Pims" mit seinen zunehmend sozialkritischen Blicken hinter die Fassade eines sorgenfreien Kinderlebens, "Ronja Räubertochter" mit dem übermächtigen persönlichen Konflikt zwischen Ronja und Matthis, aber auch "Kalle Blomquist", vor allem der dritte Teil, der wehmutsvolol die glücklichen, unschuldigen Spiele der Kindheit allzubald vergessen lässt.) Daher habe ich meine Schwierigkeiten mit der Schwerpunktsetzung des Buches, während andere Werke meines Erachtens zu kurz abgehandelt sind.
- Die Buchinhalte sind bisweilen schlampig bis mehr als schlampig wiedergegeben. Aufgefallen ist mir dies vor allem bei den "Kindern von Bullerbü", wo die Beziehung der sechs Kinder zueinander nicht zutreffend wiedergegeben ist (Britta als das älteste der Mädchen hat mehr eigene Charakterisierung als ihr Vivi Edström zubilligt, Lasse und Bosse sind absolut verschieden individualisiert.)
- Die Zielgruppe des Buches ist nicht eindeutig genug. Manchmal werden dem Leser die einfachsten Dinge lang und breit erklärt, dann kommen wieder halbe Absätze, die ohne Kenntnis der literaturwissenschaftlichen Topoi weder zu verstehen noch einzuordnen sind.
- Wenn die Autorin ein Werk in einen zeitlichen Zusammenhang einordnet, vgl. S. 34, nützt es mir gar nichts, wenn Bezug genommen wird zu einer Reihe von Titeln, die sämtlich niemals ins Deutsche übersetzt erschienen sind. Die Geschichte der schwedischen Kinderbuchliteratur im 20. Jahrhundert ist ein weites Feld, aber der durchschnittliche Leser kennt weder Else Beskow noch einen anderen der vielfach erwähnten Autoren. Wenn der Verlag ein für deutsche Normal-Leser verständliches Buch veröffentlichen will, muß hier entweder gekürzt (nie gut!) werden oder ein lesbares (!) Glossar angefügt werden. Sogar die Übersetzung hat hier Schwierigkeiten: Hinter der zitierten "Meg aus Alcotts 'Unga Kvinnor'" (S. 37) steckt nichts Schwedisches, sondern die Uramerikanische Luisa May Alcott mit "Little Women" alias "Betty und ihre Schwestern". Dieses Beispiel macht es meines Erachtens am deutlichsten, daß man die Edition mit etwas sorgfältiger hätte angehen können.
Diese ganzen kleinen Nickligkeiten führen irgendwann dazu, daß man das Buch entnervt zur Seite legt (warum 300 Seiten Text lesen, von denen ich weiß, daß ich nur zur Hälfte folgen kann?) und das ist angesichts des Ansatzes der Autorin und der Mühe, die in diesem Buch steckt, mehr als schade.