Van Morrison
Astral Weeks - Live At The Hollywood Bowl"
(2009 Blue Note/EMI)
Es gibt Kunst und Musik, die ist nicht wiederholbar, auch nicht im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit". Das ist vielleicht sogar das Wesen von Kunst - aber nennen wir es mal ganz unprätentiös Zeitgeist. Astral Weeks" ist Zeitgeist, aber welcher, oder besser: um welche Zeit geht es hier? Als 1968 Van Morrisons zweite Solo LP erschien, wollte die keiner hören. Harte Bluesrock Bands wie Steppenwolf" bestimmten die Szene und schlugen in den USA härtere, politische Töne an, aber politisch sind die Texte von Astral Weeks" nun wirklich nicht! Obwohl er schon Jahre zuvor mit seiner Band THEM in Irland einige Klassiker und sogar Hits produziert hatte, erreichte diese Platte keine nennenswerte Platzierung in den Charts - niemals! Erst 33 Jahre später bekam Morrison dafür Gold. - Reife Leistung für etwas, was Kritiker im Lauf der Jahrzehnte immer wieder weltweit zu einer der zehn besten Musikaufnahmen aller Zeiten lobhuddelten.
Es geht um Poesie, um die Leidenschaften und Obsessionen eines damals 23jährigen. Der wortgewaltige Kritiker Lester Bangs war ein Fan der ersten Stunde, aber er gab auch (fasziniert) zu: Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wovon Morrison hier singt."
If I ventured through the slipstream
Between the viaducts of your dreams
Where immobile steel rims crack
And the ditch in the back roads stop
Could you find me?
would you kiss my eyes?
And lay me down in silence easy
To be born again...
(aus: Astral Weeks)
Iren sind offenbar tiefgründig. Der Engländer Graham Nash (von Crosby Stills Nash & Young) sagte mal - allerdings bis zum Kragen voll Pot - zum Kritiker Nik Cohn: Ja, aber wir sind die Dichter von heute! Ihr lest den Yeats oder den Dingsda und versteht kein Wort!" Soweit hätte er gar nicht gehen müssen: auch irische Popmusiker können unverständlich sein - schön ist es trotzdem!
Den Reiz von Astral Weeks" machte, neben Van Morrisons Poesie und seinem seltsam faszinierenden Gesang, auch die instrumentale Begleitung aus. Morrisons Manager hatte, um Zeit im Studio zu sparen, professionelle Jazzmusiker gebucht: Conny Kay (vom Modern Jazz Quartett) am Schlagzeug, Richard Davis (der gerade mit Elvin Jones, John Coltranes Schlagzeuger, eine LP veröffentlicht hatte) am Kontrabass u.a. spielten Astral Weeks" in wenigen Nacht-Sessions ein. Die fast durchweg langen Songs sind Drohnen, die oft ohne Refrain oder auffällige Hookline durch Morrisons introvertiertes Universum mäandern. Diese Musik liebt- oder hasst man; wer nicht sofort Ja sagt, ist für immer verloren. Schade, aber nicht zu ändern. Während ich das schreibe, kommt eine junge Kollegin ins Zimmer, Ende 20 - und sie ist sofort elektrisiert, fragt begeistert: Wer ist das denn?!" - Auch nach 40 Jahren funktioniert Astral Weeks" offenbar noch - bei den Auserwählten! Das ist natürlich beunruhigend elitär (wie ein Intelligenztest), aber probieren Sie es aus - wenn Sie sich trauen!
Eine der vielen Legenden, die sich um die Entstehung von Astral Weeks" ranken, ist Morrisons Aussage, dass die Stücke ursprünglich mal viel länger waren. Wen wundert's bei der Besetzung? Das auf der Original LP keine 4 Minuten lange Schlussstück Slim Slow Slider" sei gar nur der winzige Mittelteil einer etwa 40minütigen Jam-Session! Dazu kommt, dass Morrison zwar einzelne Stücke des Albums in seinen Konzerten auftauchen ließ, aber auch die nie in Überlänge. Klar, dass Fans die Session-Tapes begehrt haben, wie die Menschheit andernorts den heiligen Gral oder wenigstens das Bernsteinzimmer.
Jetzt hat Morrison wohl selbst Mitleid bekommen, oder er wurde einfach nur von der allgemeinen Jubiläums-Sentimentalität ergriffen, jedenfalls erscheint, 40 Jahre später, eine Live Doppel-LP mit dem kompletten Astral Weeks"-Zyklus - in teilweise längeren Bühnenfassungen (Slim Slow Slider" ist jetzt wenigstens fast 8 Minuten lang).
Womit wir wieder beim Anfang wären:
Es gibt Kunst und Musik, die nicht wiederholbar ist.
Das Konzert im Hollywood Bowl, Anfang November letzten Jahres, war sicher ein Gutes, Van Morrison kann gar keine schlechte Platte machen und es gibt sogar als Dreingabe Listen To The Lion", seinen schönsten Song überhaupt, der gar nicht auf Astral Weeks" enthalten ist. Die Musiker sind fantastisch, der Original Gitarrist von Astral Weeks", Jay Berliner ist auch dabei und selbst Richard Davis' prägende Basslinien vermissen wir nicht (dank David Hayes) - und dennoch: Zeitgeist ist nicht
reproduzierbar! Mir wären die original Session Tapes lieber gewesen. Aber was bleibt sind die Songs, die Musik, die Stimme von Van Morrison, die nach 40 Jahren sogar besser geworden ist. Und für die, die bei einer Wiederholung des Konzertes am 27. und 28. Februar im New Yorker Madison Square Garden verständlicherweise nicht dabei sein können, ist diese neue Van Morrison CD ja auch was!