Endlich geben sie's zu, die Herren Altphilologen, Historiker, Archäologen und Konsorten: Sie lesen "Asterix", alle, durch die Bank alle, und sie kennen ihn erstaunlich gut -- wahrscheinlich haben sie während der letzten Fachtagung heimlich das ein oder andere Heft unter der Bank gelesen... Und da sie allesamt Wissenschaftler sind, haben ihnen der kleine Gallier und sein "etwas untersetzter" Freund Obelix neue Erkenntnisse eröffnet; manche dieser Erkenntnisse sind dermaßen spektakulär, dass die einschlägigen Disziplinen ihre ehrwürdigen Standardwerke umschreiben müssen. Einstweilen aber sind diese vielen kleinen Perlen ernsthafter Wissenschaft, unernster Selbstironie und feixender Wissenschaftssatire in diesem Band nachzulesen, dessen Herausgeber Kai Brodersen selber fleißig mitgemischt hat.
"Asterix und seine Zeit" enthält neben ernstgemeinten, informativen Beiträgen über das historische Umfeld vor allem jede Menge Beweise dafür, dass die Geschichtswissenschaft und ihre Teildisziplinen nicht so bierernst sein müssen, wie sie mitunter daherzukommen scheinen. Was Satire ist oder Parodie und was nicht, wird der Leser bestimmt selber herausfinden und dabei der ein oder anderen Attacke auf seine Lachmuskeln nachgeben: Der erhabene Tonfall der einzelnen Beiträge ist nämlich durchweg derjenige der historischen Zunft...
Im einzelnen sind enthalten: Zunächst einmal sachliche Hintergrundinformation über "Asterix' Welt", also Abhandlungen über Kultur und Gesellschaft der Antike, z.B. über das Piratenwesen, über die Religion der Gallier und die Stellung ihrer Druiden und Barden, über die historische Kleopatra, über "panem et circensis", antikes Theater, Olympia u.a.; die einzelnen Beiträge gehen unterschiedlich detailliert auf die betreffenden Asterix-Geschichten ein. Vor allem die Beiträge von Frank Bernstein ("Beim Iuppiter, was für ein Circus!") und Ulrich Sinn ("Asterix und Olympia") sind bei hohem Informationsgehalt amüsant zu lesen. Ebenfalls der Hintergrundinformation dienen Martin Jehnes Untersuchungen zur Person des historischen Julius Cäsar, die Gegenüberstellung von historischer Person und Comic-Figur, und darauf aufbauend Jehnes Beschreibung von Cäsars Funktion innerhalb der Asterix-Reihe.
Diese geballte Wissensvermittlung wird nun aber auf eine Weise aufgelockert, die ihrem Forschungsgegenstand würdig ist: Altphilologen und Historiker wie z.B. Kai Brodersen, Wolfgang Will oder Wolfram Ax steuern wunderbar amüsante Wissenschaftsparodien bei; so wartet z.B. Brodersen mit dem Fund einer Votivtafel auf, die den späteren Aufenthaltsort Obelix' nach dem Ende seiner Abenteuer offenbart -- eine herrliche Satire, die sich trotz ihrer Kürze durchaus mit Traxlers "Wahrheit über Hänsel und Gretel" messen kann. Fast noch besser gelungen, noch komischer ist Wolfgang Wills Abhandlung über "Die Gallier und ihre Nachbarn", in der er Cäsars Darstellung der verschiedenen Völker auf den Zahn fühlt und en passant auch dem versierten Ethnologen Erstaunliches über Sitten und Bräuche von Briten oder Helvetiern mitteilt -- streng wissenschaftlich, versteht sich. Und aufgrund seiner asteringinischen Forschungen muss wohl auch die Geschichte der Goten neu geschrieben werden...
Ein weiteres Highlight ist Werner Dahlheims Bericht über einen überraschenden Papyrusfund im Louvre, der belegt, dass Asterix nicht nur tatsächlich Amerika entdeckt und außerdem ein Schiffstagebuch geführt hat, sondern auch, dass dieser Bericht den Zeitgenossen und Nachgeborenen einstmals wohlbekannt gewesen sein muss, denn Strabon, Edgar Allen Poe, Vergil u.v.a. zitieren ihn! Natürlich bekommt man den gefundenen Text zu lesen... Allerdings könnte dieser Beitrag noch brillanter sein; Dahlheim sind einige unabsichtliche (wie ich vermute) Anachronismen in seiner sonst glänzenden Parodie unterlaufen.
Tja -- und dann sollte auch nicht Wolfram Ax' Abhandlung über die antike Rhetorik unerwähnt bleiben. Im unerschütterlichen Duktus des gelehrten Altphilologen analysiert er Asterix' Gerichtsrede in "Die Lorbeeren des Cäsar", wobei er nicht nur höchst vergnüglich in die antike Rhetorik einführt, sondern seinerseits mithilfe ausgebuffter Rochaden und Rösslsprüngen zeigt, wie man durch geschickten Einsatz der rhetorischen Mittel auch den größten Unsinn beweisen kann, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Ein Juwel der Hochkomik!
Man könnte noch weitere Beiträge hervorheben; ich weise hier nur noch ausdrücklich auf den Bericht der kongenialen Asterix-Übersetzerin Gudrun Penndorf hin (live aus dem Nähkästchen gewissermaßen), in dem sie Wissenswertes über die Tücken und Erfolgserlebnisse der Übersetzung im allgemeinen und über die Anforderungen und Hürden der "Asterix"-Übersetzung im besonderen mitteilt.
Nichts für naive Leser also; wissensdurstigen Zehnjährigen sollte man etwas anderes schenken. Aber ein herrlicher Spaß für alle, die die Pubertät abgeschlossen haben. Das Buch macht einen Heidenspaß, und informativ ist es obendrein. -- Delectare et prodesse eben...