"Nos ancêtres les Gaulois." Unsere Vorfahren, die Gallier. Diese Worte, die in Frankreich seit langem geflügelt sind, entstammen einem der langlebigsten französischen Schulbücher. Fast über die gesamte Dritte Republik (1871 - 1940) hinweg war "Le Petit Lavisse" in Gebrauch und sollte französisches Geschichts- und Selbstbewusstsein über Generationen prägen. Dabei vermittelt das Buch eine sehr mythisch geprägte Geschichte Frankreichs, die vor allem zur "gloire nationale" beitragen soll. Kein Schulkind kam an diesem Buch vorbei, auch nicht René Goscinny und Alberto Uderzo. Selbst für Kinder in den Schulen der französischen Kolonien Afrikas oder Indochinas begann der Geschichtsunterricht häufig mit diesem Satz, auch wenn ihre Vorfahren alles andere als Kelten waren. Hier zeigte sich die mission civilisatrice französischer Kolonialpolitik besonders stark. Neben diesem Geschichtsbuch war es ein erstmals 1877 erschienener, bis 1917 über 7 Millionen mal verkaufter Roman, der für diesen Asterix-Band unabdinglich werden sollte: "Le tour de la France par deux enfants", von Augustine Fouillée unter dem Pseudonym G. Bruno veröffentlicht, erzählt die Geschichte zweier Lothringer Halbwüchsiger im Jahre 1872, die, nach dem preussisch-französischen Krieg ihrer Heimat "beraubt", auf der Suche nach ihrer Identität durch Frankreich reisen - schliesslich war "France" das letzte Wort ihres verstorbenen Vaters. Der Ton beider Bücher ist aus heutiger Sicht reichlich nationalistisch und revanchistisch, aber auf deutscher Seite sah es damals bekanntlich nicht besser aus.
Vor diesem Hintergrund erschien 1965 mit "Tour de France" eine der vielleicht besten Asterix-Folgen. Die Rahmenhandlung des Bandes ist eine Wette des verbarrikadierten Dorfes gegen Lucius Nichtsalsverdrus (Danke an Übersetzerin Gudrun Penndorf für diese grossartigen Einfälle!), Asterix und Obelix eine Tour durch ganz Gallien machen zu lassen und aus jeder Gegend eine kulinarische Spezialität mitzubringen. Eine Tour, die allerdings in so manchen Belangen eher an das heutige Frankreich als an Gallien erinnert. Auf zahlreiche Anspielungen zur heutigen Welt ist bereits an anderer Stelle hingewiesen worden: die sommerlichen Staus im Rhonetal auf der "Römerstrasse VII" (Route nationale 7), die Rolle der Résistance und der Gastronomie in Lyon, die verschiedenen regionalen Spezialitäten, von denen es übrigens zu gallisch-römischen Zeiten keine einzige in dieser Form gab (Weine aus Bordeaux, Austern aus Arcachon, Champagner aus Reims, etc.). Deshalb an dieser Stelle ein paar vielleicht weniger bekannte Winke: der Befehl des Zenturions in Burdigala zur Aufstellung im Fünfermuster ("en quinconce") spielt auf die Place des Quinconces an, den grössten Platz in Bordeaux. Die Kneipenszene in Massilia ist von der Verfilmung der Marseiller Trilogie von Marcel Pagnol inspiriert. Mit dem "höllischen Pflaster", auf dem ein römischer Soldat im Norden Galliens einen Radbruch erleidet, ist vermutlich das Radrennen Paris-Roubaix gemeint. Da selbstverständlich auch die Tour de France nicht fehlen darf, wird das Eintreffen von Asterix und Obelix in Aginum als Bergankunft inszeniert (sehr schön: "Gute Idee, die Tour de Gaule. Vielleicht werden wir auch Etappenstadt."). Der Diebstahl des Pferdewagens vor der "Herberge Zur Post" in Lugdunum ist schliesslich eine Anspielung auf den Lyoner Postkutschenüberfall, einen der berühmtesten Kriminalfälle im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Gleichwohl verweigern sich einige besonders schöne Wortspiele der Übertragung ins Deutsche. Der Name der Stadt "Divodurum" klingt wie ein hingelalltes "tu veux du rhum?". Ein Pariser Tourist, dessen Boot von Asterix und Obelix gekapert wird, bedankt sich für das Mitnehmen im Boot, wobei im Französischen "mené en bateau" identisch ist mit reingelegt werden. Der von einem Hinkelstein getroffene Hafenangestellte zählt drei Dutzend Steine und sieht zugleich die Sterne beziehungsweise "trente-six chandelles". Die vieldeutigen und nichtssagenden Aussagen der Bewohner von Rotomagus nennt man im Französischen möglicherweise normannische Antworten, "réponses de Normand", vielleicht aber auch nicht.
Fast einhundert Veröffentlichungen über die Asterix-Reihe sind bis heute in historischen, soziologischen und literaturwissenschaftlichen Zeitschriften erschienen. Dabei gibt es kaum einen Aspekt, der bisher nicht beleuchtet wurde, von römischer Architektur bis hin zum USA-Bild der Autoren. Ein Gesichtspunkt, der bei vielen Asterix-Interpretationen bisher möglicherweise vernachlässigt wurde, ist die ostjüdische Herkunft Goscinnys. Als Sohn polnischer Juden gelangte er über den Umweg von Buenos Aires, wo er die französische Schule besuchte, und New York, wo er als Werbezeichner arbeitete, nach Paris. Vor diesem Hintergrund betrachtet, erscheint das von feindlichen Lagern umgebene gallische Dorf nicht wie ein osteuropäisches Schtetl? Und die Schlitzohrigkeit, mit der sich seine Bewohner gegen ihre Besatzer wehren, anstatt rohe Gewalt zu benutzen (Obelix vielleicht ausgenommen), ist das nichts anderes als altbekannte Chuzpe? Auch Alberto Uderzo hatte Migrationshintergrund und daher einen besonderen Blick auf Frankreich. Als Sohn italienischer Einwanderer erlebte er Fremdenfeindlichkeit gegenüber den zahlreichen italienischen Immigranten einerseits, aber ebenso das Integrationspotenzial einer stolzen Nation. Wie auch René Goscinny kannte er die französische Kultur bestens, behielt aber als Einwandererkind immer auch die Möglichkeit der Perspektive von aussen. Als Uderzo und Goscinny sich Anfang der fünfziger Jahre in Paris kennenlernten, war dies der Beginn einer wunderbar produktiven Freundschaft. Die in den folgenden Jahrzehnten entstandene Asterixserie sollte zu Frankreichs Trivialepos schlechthin werden.
Der Held der Serie, Asterix, stellt zum einen das alte Ideal eines intelligenten, blonden gallischen Kriegers dar, andererseits trägt er, unter anderem durch seine kleine, kaum muskulöse Statur, Züge eines Anti-Helden. Die anti-intellektuelle, eher den leiblichen Freuden zugetane Seite des Nationalcharakters wird durch Obelix repräsentiert, der sich zudem in naiv-sympathischer Weise weigert, andere in ihrer Andersartigkeit zu akzeptieren. Der Rest des Dorfes verkörpert verschiedene Aspekte des esprit gaulois - von der Disziplinlosigkeit über Völlerei bis hin zu gelegentlichen Raufereien. Gleichwohl werden die Stereotype, auch über andere Nationalitäten und Bewohner verschiedener gallischer Regionen, häufig dermassen überstrapaziert, dass sie unglaubwürdig werden und sich dadurch wieder selbst disqualifizieren. Das ist vielleicht eines der besonderen Erfolgsrezepte der Asterix-Geschichten: Sie laden zur Identifikation ein, ohne doktrinär zu sein. Man ist stolz, sehr stolz auf Frankreich und seine Bewohner, Geschichte und Traditionen, aber gleichzeitig belächelt man doch die eigene Einstellung ein wenig..., denn dass die pax romana in Wirklichkeit kein gallischer Frieden war, weiss man nur zu gut. Vielleicht ist es gerade dieses Spannungsverhältnis aus selbstbewusstem Geschichts- und Selbstverständnis und ironischer Distanz zu eben demselben, das die Asterix-Bände auch für Nicht-Franzosen lesenswert macht. Für 48 Seiten, bis hin zum obligatorischen Festbankett, sind wir darum alle gerne Gallier. Wie schliesslich auch unsere Vorfahren.