Der zweite Band der "Asterix"-Reihe (dass hierzulande irrtümlich "Asterix und Kleopatra" als zweiter Band gilt, beruht auf der Reihenfolge der deutschen Veröffentlichungen und sorgt nicht nur in Sachen Idefix regelmäßig für Erstaunen) bietet bereits alles, was die Asterix-Bände so einzigartig macht: Eine spannende Story, viele mehr oder weniger versteckte Gags, gekonnte Zeichnungen...
Die Geschichte ist schnell erzählt: Miraculix braucht eine neue goldene Sichel, und die besten gibt es bei Obelix' Vetter Talentix in Lutetia. Also machen Asterix und Obelix sich auf den Weg -- und finden Talentix' Werkstatt geplündert vor. Von Talentix selbst fehlt jede Spur. Bei ihren Nachforschungen treffen Asterix und Obelix auf allerlei zwielichtige Gestalten, lernen die Lutetier Unterwelt ebenso kennen wie das Lutetier Verkehrschaos, und wühlen sich durch den Korruptionssumpf der gallischen "Hauptstadt" (dies allein schon ein wunderbarer Anachronismus!), der sich bis in die besten Kreise erstreckt. Und natürlich räumen die beiden Unbesiegbaren tüchtig auf.
Eigentlich liest man mit "Die goldene Sichel" einen "Hardboiled"-Krimi -- wer den Band zum ersten Mal als Jugendlicher gelesen hat, erinnert sich vielleicht noch daran, wie er mit den beiden Helden mitfieberte. Aber das allein macht noch nicht den Reiz dieses Bandes aus: Auch wenn Uderzos Zeichnungen noch nicht so ausgefuchst sind wie in den späteren Bänden, so bieten sie doch, zusammen mit Goscinnys Text, jede Menge amüsante Hingucker und Anspielungen auf das moderne Frankreich: Die "24 Stunden von Le Mans" (in Form eines Ochsenkarrenrennens...) sind ebenso vertreten wie das geradezu orgiastische Pariser, pardon, Lutetier Verkehrschaos mit den zugehörigen giftigen Wortgefechten; in einer zwielichtigen Spelunke mit ebensolcher Klientel findet eine richtig schöne Asterix-typische Keilerei statt -- und das Schild "Lutetia bei Nacht" prangt groß und breit an einer roten Mühle ("moulin rouge"...). Dass der Bois de Bologne nicht den besten Ruf hat, kommt in der deutschen Übersetzung leider nicht ganz so gut rüber -- das zugrunde liegende Wortspiel ist leider nicht zu übersetzen.
Nachdem in "Asterix der Gallier" mit Asterix und Miraculix der vernünftige Teil des Dorfes dominierte, gewinnt nun im zweiten Band auch Asterix' Freund Obelix an Profil (und Troubadix erlebt das abschließende Festmahl zum ersten Mal gefesselt und geknebelt). Überhaupt hat man den Eindruck, dass sich Goscinny und Uderzo bei diesem Band noch ein wenig "warmlaufen" mussten; viel Asterix-Typisches ist noch im Werden, aber die entscheidenden Merkmale sind bereits vorhanden: Eine gute Story, witzige und stimmungsvolle Zeichnungen und Dialoge, als Anachronismen getarnte satirische Seitenhiebe auf die Gegenwart und viel unaufdringlich präsentiertes Hintergrundwissen. All das ist homogen mit dem historischen Hintergrund verwoben. Klasse! "Die goldene Sichel" bildet zusammen mit dem ertsen Band, "Asterix der Gallier", den fulminanten Auftakt für eine der besten Comic-Serien aller Zeiten.