Nein, Gallien ist natürlich auch in diesem Asterix-Abenteuer nicht wirklich in Gefahr. Jeden ernsthaften Schaden verhindern die Helden aus dem gallischen Dorf in gewohnter Manier. Wie in jedem der vorherigen 32 Abenteuer auch. Der Spannungsbogen bestand ja auch spätestens ab dem dritten Band nicht mehr darin, ob das wieder gelänge, sondern auf welchem Weg es wohl gelingen werde und welche Anspielungen auf die liebenswerten Eigenarten der Franzosen und anderer Völker diesmal wieder das Abenteuer anreichern. Asterix lebte immer vom Wortwitz, von den liebevoll aufgebauten running gags - teilweise viele Bände übergreifend - von den feinsinnigen Formulierungen und der stetigen aber immer nur leichten Überzeichnung in Wort und Bild.
Na gut, ich schwärme da ein wenig von der guten alten Zeit der ersten Abenteuer. Nach dem Tod Goscinnys wurde die Messlatte der ersten 24 Bände nie wieder ganz übersprungen, einige der letzten Abenteuer wirkten schon deutlich konstruierter und "gewollter" als die noch vom kongenialen Duo Goscinny/Uderzo erstellten Koproduktionen. Auch der Humor kam nicht mehr so spielerisch daher, die Wortgeplänkel nicht mehr so feinsinnig. Das gilt übrigens sowohl für das französische Original als auch für die deutsche Übersetzung. Nach und nach wurden die Abenteuer immer grotestker und intellektuell immer belangloser. Trotzdem waren auch die letzten Bände noch immer mit Freude zu lesen.
Der neue Band "Gallien in Gefahr" allerdings setzt einen Tiefpunkt, der alles bisher dagewesene noch in erschreckender Weise unterbietet. Statt wieder zu feiner Überzeichnung zurückzufinden, schlägt Uderzo die brutale Scifi-Keule! Asterix bekommt es mit Außerirdischen zu tun. Die zu allem Unglück auch noch die Gestalt von Disney-Figuren haben. Eine solche Profanisierung und Vulgarisierung von Asterix hätte ich nicht in den schlimmsten Alpträumen gewärtigt.
Für die Franzosen muss das alles noch viel schlimmer sein. Die Grande Nation verteidigt ihr Kulturgut schließlich mit Zähnen und Klauen. Lieblingsfeind sind die USA, denen man gerne vorwirft, die ganze Welt mit Coca-Cola-Profankultur überziehen zu wollen. Die Disneysierung des urfranzösischsten Comics ist insofern für die französischen Fans ein kleiner Weltuntergang. Aber auch für den deutschen Asterixfan ist die Phantasielosigkeit dieses Abenteuers ein Jammer.
Früher konnten sich an Asterix sowohl Kinder als auch Erwachsene freuen, da unter der auch für Kinder zugänglichen Schicht der Strichmännchenabenteuer eine tiefere intellektuelle Schicht verborgen war: Karrikaturen von französischen Politikern, Anspielungen auf Schauspieler, Filme, Bräuche und Rituale des französischen Alltags und vieles mehr. Diese tiefere Schicht ist nun endgültig weggebrochen.
So ist nicht Gallien in Gefahr, sondern Asterix! Aus der anspruchsvollen Serie wird ein reines Kindercomicheft. Und dieser Niedergang, die McDonaldisierung von Asterix, wird durch die Bezugnahme auf Disney nun auch noch für den langmütigsten Fan mehr als offenkundig gemacht.
Uderzo selbst hat seine Verleger einmal gebeten, nach seinem Tode keine weiteren Abenteuer von anderen Zeichnern erstellen zu lassen. "Ich habe Angst, dass sie mir meinen Asterix sonst noch auf den Mond schießen", hatte Uderzo damals gesagt. Nun, so weit davon entfernt ist er nun selbst nicht mehr. Man muss auch wissen, wann es genug ist, Herr Uderzo - latürnich!