Ei, ei, ei - die Götter liegen im Clinch, denn überm gallischen Dorf entlädt sich ein gehöriges Donnerwetter. Und da unsere Tapferen bekanntlich nichts fürchten, außer dass ihnen eines Tages der Himmel auf den Kopf fallen könnte, ist unseren Dörflern in diesen Minuten doch ziemlich mulmig zumute.
Da man gemeinsam stark ist, hat man sich in der Hütte von Häuptling Majestix zusammengekauert, um gemeinsam Blitz und Donner auszusitzen. Just als es wieder mal ordentlich rummst und blitzt, verdunkelt ein Schatten den Eingang zu des Häuptlings Hütte: Auf der Schwelle steht ein unheimlich wirkender Fremder, dem der Aufruhr der Elemente wenig ausgemacht zu haben scheint. Der stellt sich unseren Galliern als Lügfix vor und beendet so gut wie jeden Satz mit der Feststellung, er habe dies und das ja ohnehin vorher gewusst. Klar, dass der Mann jede Menge Vorwissen mitbringt, denn schließlich ist unser Lügfix - Trommelwirbel und Tusch, bitte - ein Seher.
Das Gros der Dörfler ist schwer beeindruckt, zumal der Gast seine Gabe schnell unter Beweis zu stellen scheint: Flugs wird aus den Innereien eines toten Fisches herausgelesen, dass auf Regen Sonnenschein folgt. Und siehe da: Der Mann hat recht, denn schon bald zieht das Gewitter weiter und der Himmel, wer hätt's gedacht, hellt sich auf. Bis auf Asterix und Miraculix sind unsere Helden nun endgültig überzeugt von Lügfix' Fähigkeit, in die Zukunft zu schauen. Es ist ja auch zu und zu schön, was der so alles voraussagt, denn Lügfix verspricht unseren Galliern nicht nur das Blaue vom Himmel herab, sondern erzählt jedem und jeder einzelnen von ihnen genau das, was die betreffene Person am liebsten hört.
Dorfgreis Methusalix wird der dritte Frühling prophezeit, Fischhändler Verleihnix sieht einer gloriosen Zukunft im Feinkosthandel entgegen, der ersten Frau des Dorfes wird ein Umzug ins mondäne Lutetia avisiert (und ihrem Mann Majestix die Berufung zum Senator - hört, hört!) Allein Asterix bewahrt einen kühlen Kopf, und weil er mit seinen Zweifeln nicht hinterm Berg hält, beschließt Lügfix ziemlich bald, seine Zelte auch wieder abzubrechen und ein hoffentlich in Summe noch leichtgläubigeres Publikum mit seiner Gegenwart zu beglücken.
Häuptlingsfrau Gutemine kann freilich nicht genug von den angenehmen Zukunftsaussichten bekommen, die der angebliche Seher verheißt, und so einigt man sich auf einen Kuhhandel: Der Seher bezieht heimlich Quartier irgendwo in den Wäldern rings ums Dorf, und Gutemine wird dafür sorgen, dass der Lesestoff-Nachschub rollt - denn unser Seher ist natürlich kein Schlemmer, sondern benötigt Speis und Trank nur, um daraus die Zukuft zu lesen (aus einer kühlen blonden Cervisia liest der Mann auch, "aber nur, wenn sie frisch gezapft ist".)
Und alles, so will es die Abmachung, muss natürlich unter dem Siegel der Verschwiegenheit geschehen, damit der Seher sein Dasein unbehelligt von einem Ungläubigen wie unserem pfiffigen Asterix fristen kann. Gutemine gelobt, nichts weiterzusagen, aber natürlich bleibt's beim Lippenbekenntnis, und schon bald unternehmen auffällig viele Bewohner des Dorfes Spaziergänge in den Wald, bei denen sie Wildschweine und andere Lebensmittel spazieren führen. Das weckt natürlich Asterixens Misstrauen, dem der wahre Grund für die plötzliche Waldeslust seiner Freunde nicht lange verborgen bleibt. Der Seher flieht vor Asterix, wird von einer römischen Patrouille aufgegriffen - und nun kommen die Geschehnisse erst so richtig in Fahrt ...
Auch "Der Seher" ist noch ein Ergebnis der fruchtvollen Zusammenarbeit von Texter René Goscinny und Zeichner Albert Uderzo, der die Reihe seit dem Tode Goscinnys im Jahr 1977 alleinverantwortlich betreut. Den Bänden, die nach 1977 entstanden, fehlt in meinen Augen leider das gewisse Etwas - eben der erzählerische und texterische Witz eines Goscinny. "Der Seher" aber ist einer der Bände, in denen sich die zeichnerischen Talente Uderzos und Goscinnys Witz zu einem amüsanten Abenteuer vereinen, das Fans der Serie all das bietet, was man an einem Asterix-Abenteuer lieben kann, und mit dem Seher Lügfix ist Uderzo einmal mehr ein ausdrucksstarker Charakter gelungen, der die Serie um eine schillernde Gestalt bereichert.
Und so lautet meine Empfehlung: Kaufen - denn darauf zu warten, dass in Zukunft noch einmal ein ähnlich gelungener Band erscheint, ist vergebens (um das sagen zu können, muss man nicht einmal ein Seher sein).