Es soll ja noch immer Bücherwürmer geben, die lieber verhungern würden, als einen Comic zu verschlingen. Meiner Mutter habe ich es inzwischen verziehen, dass sie teuer erstandene oder gegen Wertvolleres eingetauschte Comic-Hefte ohne meine Einwilligung entsorgte. Zumal sie Buchhändlerin war und Comiczeichner wie David Mazzucchelli noch längst nicht geboren waren. Wahrscheinlich könnte sie mir heute sogar zustimmen, dass Comic große Kunst sein kann. Vorausgesetzt es sind auch Zeichner am Werk, die mehr als nur die Pflichtaufgaben beherrschen.
Obwohl David Mazzucchelli unter Comic-Freunden ein Begriff ist, hatte ich vor "Asterios Polyp" noch nie ein Buch von ihm in Händen. Was mich magisch anzog, war der Einband. Denn er verspricht bereits viel von dem, was dann bereits auf den ersten Seiten eingelöst wird. Reduktion auf wenige Stilelemente, skurrile Zeichnung der Figuren, Absurdität des Alltags und ein eigenständiger Strich.
Die Graphic Novel erzählt die Geschichte eines Intellektuellen, wie ihn Woody Allen in seinen Filmen immer wieder vorführt und bloßstellt. Asterios Polyp, ist ein gefeierter Architekt ohne eigenes Werk, der wenigstens durch Zufall dazu kommt, eine Baumhütte zu bauen. Egomanisch und autistisch, ohne dies natürlich anerkennen zu wollen. Immer auf der Suche nach passenden Accessoires, zu denen natürlich auch Menschen gehören. Aber solche Elemente allein würden natürlich nicht genügen, um den Leser und Betrachter bei Laune zu halten.
Was diese Graphic Novel nebst der Zeichenkunst von David Mazzucchelli auszeichnet, sind die vielen überraschenden Begebenheiten, die unaufmerksamen Betrachtern normalerweise nicht auffallen. Mit solchen Fokussierungen auf Übersehbares bewirkt Mazzucchelli, dass man die Seiten nicht allzu schnell überblättert und zunehmend nach weiteren Miniexkursen Ausschau hält. Auch dramaturgisch toll gemacht.
Mein Fazit: Den Namen dieses Zeichners werde ich mir merken. Denn seine erste Graphic Novel hat einmal mehr bestätigt, dass Comics zu Recht in den Olymp anerkannter Kunst aufsteigen durften, wenn sie so gut gemacht sind wie uns dieses Buch vorführt. Die Geschichte ist schräg, stimmig und seltsam wirklichkeitsnah. Aber wie es sich für die Beschreibung eines Dramas gehört, wird der Schluss nicht bekanntgegeben. Asterios Polyp, der große Architekt ohne Werk, Kettenraucher, egomanisch und dauersuchend findet schließlich seine Bestimmung, auch wenn er sie nicht will. Passen muss ich bei der Beurteilung, wie gut die deutsche Übersetzung gelungen ist. Aber ohne das Original zu kennen, haben mich die Texte ebenso überzeugt wie die Zeichnungen, das Layout und die ganze Aufmachung.