Ich lese nun seit über 40 Jahren Außergewöhnliches und Fantastisches und bildete mir bis dahin ein, schon vieles gelesen/gesehen zu haben. Aber diesmal bin ich wirklich überrascht worden.
Gekauft habe ich mir dieses Buch, wegen der Rezessionen und eines daran hat mich schon vorab wahnsinnig fasziniert. Anscheinend polarisiert es! So etwas macht mich immer neugierig und da ich gerne abseits der großen (kommerziellen) Verlage meine Bücher suche, kam mir dieses gerade recht.
Ich kann leider nicht die Meinung einiger hier teilen, die meinen dieses Buch besäße einen einfachen und schlichten Schreibstil. Ich persönlich empfinde ihn als "anders", aber durchaus angemessen und angenehm. Das Buch versucht nicht krampfhaft mehr zu sein als es tatsächlich ist und das ist in der heutigen Zeit, in der sich mancher für einen "Großliteraten" hält, eine echte Wohltat. Leider haben heute zuviele Autoren, oder auch Leser, den Anspruch, alles müsste mit der "großen" Literatur vergleichbar sein. Doch das heiße Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Dann müßte man sich doch tatsächlich einmal fragen, warum der Autor von "Kriegsklingen" über den grünen Klee gelobt wird, obwohl sich dort die Wiederholungen schon selbst wiederholen. Z.B. das Wort "Hundsmann" taucht dort doch tatsächlich mehr als 12(!) Mal innerhalb einer Seite auf. Aber lassen wir das, das ist eine völlig andere Geschichte. Ich jedenfalls habe es sehr genossen, dass der, aus meiner Sicht, junge Autor eine leicht verständliche Sprache gewählt hat. Das kann doch nur bedeuten, dass es umso mehr Leute verstehen, oder? Denn nichts ist schlimmer, als dass ich mir nicht über die Geschichte Gedanken machen muss, sondern über den Satz selbst.
Dieses Buch ist schnell, es ist sogar sehr schnell. Man kommt kaum zu Atem. Doch es verstand mich durch einen geschickten Spannungsbogen zu fesseln, der von der ersten bis zur letzten Seite gehalten wurde (für mich heute ein seltenes Phänomen). Ich persönlich bin es leid, mich durch tausend Seiten starke Romane zu kämpfen, bei denen man sich die Hälfte gut hätte sparen können. Aber wem das gefällt, dem sei es natürlich gegönnt. Das Tempo ist meiner Meinung nach sehr gut und es erlaubt dem Leser bei der Sache zu bleiben und sich nicht in unwichtigen Handlingssträngen wie z.B. bei "Das Lied von Eis und Feuer" (Endlosroman mit abstrakten Handlungen, die nie richtig abgeschlossen werden) zu verlieren.
Die Charaktere wurden nicht überzeichnet, so dass ich genügend Freiraum hatte, mir diese Welt in meine eigenen Farben zu tauchen - das schätze ich sehr, sonst würde ich wohl auch nicht Fantasy lesen.
Tiro selbst ist sehr düster und für meinen Geschmack auch sehr brutal, aber das tat meinem Lesespaß keinen Abbruch. Ob ein Roman in dieser Deutlichkeit in einem der großen Verlagshäuser erschienen wäre ... das möchte ich einmal mit einem Fragezeichen versehen. Es sei erwähnt, dass ich Leute sehr schätze, die kein Blatt vor den Mund nehmen.
Doch das, was mich bei "Assassine" wirklich fasziniert hat, wurde bis dato noch gar nicht erwähnt: Dieses Buch ist nicht nicht nur eine hübsche Geschichte, die erzählt wird - wie es leider tausende in diesem Genre tun - Nein, dieses Buch versucht eine Botschaft zu vermitteln! Es hat geradezu einen didaktischen Effekt! (Was hat heute bitte denn noch eine Nachricht zu übermitteln? Da tu ich mir bei den Nachrichten teilweise schon hart.) - DAS ist das, was das Buch in meinen Augen lesenswert macht und nicht die Charaktere und das Drumherum. Das bekomme ich bei den anderen Büchern ja auch. Hier sehe ich es als Zugabe.
Die Assassine bekommt die Möglichkeit sich an der Menschheit für ihre Frevel und Verbrechen (die Zerstörung Tiros und die Vernichtung der Enrai)zu rächen, dadurch wird eine Frage von Moral und Gerechtigkeit aufgeworfen. Auch wenn es manch anderer leider nicht konnte - ich jedenfalls konnte das Leiden der Ari Schattenherz durchaus nachvollziehen und auch ihre Reifung durch diesen Prozess. Mit einem Wort ein ganzes Volk auslöschen zu können ... kämen Sie da etwa nicht ins Grübeln? - Wenn nicht, dann sollten sie dringend einen Arzt oder Apotheker aufsuchen!
Desweiteren werden viele Fragen des täglichen Lebens wie "Recht und Gerechtigkeit", Gier, Korruption, Macht, ect. in verschiedenen Facetten beleuchtet, die mich doch sehr stark zum Nachdenken gebracht haben. Die Gespräche mit dem Hüter oder auch mancher Gedankengang hatte, für mich jedenfalls, bereits philosophische Ansätze.
Der Autor zeichnet in seiner Geschichte ein überzogenes Bild der heutigen Gesellschaft nach und triff damit einen Nerf. - Die "Bösen" sind hier die Menschen! Da kann es durchaus vorkommen, dass es einem sauer aufstößt. Dieses Buch provoziert und zwar auf eine sehr brutale Weise. Für mich wird hier der heutigen Gesellschaft und auch der Menschheit selbst ein Spiegel vorgehalten. - Sehr, sehr gut! Das war längst überfällig.
Diese sozialkritischen Gedanken in eine tolle Geschichte gepackt und das auch noch im Bereich Fantasy ... was will man eigentlich mehr?
Wenn man dieses Buch als einen Fantasy-Roman wie jeden anderen auch betrachtet und nicht genügend Fantasie mitbringt, hinter die Zeilen zu sehen, wird man wahrscheinlich nicht sehr glücklich. Die Vorstellungskraft ist hier Trumpf und wird auf eine wilde Reise geschickt. Beschäftigen Sie sich mit der Geschichte UND der Botschaft. Dann werden Sie eine neue Welt entdecken und ich kann es Ihnen dann auch uneingeschränkt empfehlen. Ich jedenfalls wurde keinesfalls enttäuscht.
Aus diesen Gründen kann ich nur sagen: Ein faszinierender Erstling, der mir viel Freude bereitete und mich aus meiner Alltags-Lethargie gerissen hat.
Gruß
I. Eisner