Auf ihrer Internet-Seite wirbt Regine Anacker, die heute freie Lektorin ist, mit dem Slogan "Texte werden gemacht, um gelesen zu werden und sich lesen zu lassen". Da hat sie vollkommen Recht. Das Problem ist nur, dass ihre eigene Dissertation, die hier zum Verkauf angeboten ist, sich schlichtweg nicht lesen lässt. Das liegt vor allem an zwei Dingen. Erstens an Anackers Stil. Man ist ja als Germanist einiges gewohnt an stilistischen Entgleisungen, aber was hier zusammengeschrieben steht auf beinahe 600 Seiten, sucht Seinesgleichen. Eine Kostprobe: "'Existenziell' wird aber nicht das Wort sein, um das es in der Folge gehen soll, Nähen, die es zu offerieren scheint zu Benn zeitgenössischen philosophischen Strömungen, die sich dem Thema menschlicher 'Existenz' widmen, bieten Anschlußmöglichkeiten, die gerade im Fall Benns, der die in Frage kommenden philosophischen Richtungen teils sehr polemisch ablehnt, abgesehen von allgemeinen 'Zeitstimmungen' wenig fruchtbar sind." (S. 21) Geht es da ums Nähen, um adrette Handarbeit? Nein, es geht offenbar um die Nähe eines Begriffs zu einer bestimmten Philosophie. Und diese Nähe - pardon, diese Nähen werden offeriert, also angeboten durch den Begriff, und nicht nur das, sie bieten ihrerseits Anschlußmöglichkeiten, die ihrerseits aber gar keine sind. Verstehe das, wer will. Bei diesem Kauderwelsch ist es geradezu entspannend, wenn Benn selbst zitiert wird, der nämlich konnte schreiben. Womit wir beim zweiten Grund wären: die vielen Zitate. Haufenweise durchziehen sie den Text, und niemals sind sie von diesem typologisch abgehoben. Es scheint, dass dieses Verfahren einer bestimmten Methode folgt. Ich würde es höflich Pasticcio nennen und unhöflich Gekleistere. Welchen Erkenntniswert das hat, ist mir schleierhaft.
Mag sein, dass dieses Buch der neueren Benn-Forschung irgendeine Bahn gebrochen hat. Ich habe sie nicht gefunden; es dürfte wohl auch eher nur ein Trampelpfad sein.
Ein weiterer Mangel: das fehlende Register.
Eine weitere Ungeheuerlichkeit: die Arbeit wurde mit summa cum laude benotet!