2004 ist hiermit ein 250 S. starkes Buch erschienen, das aufzeigen will, wie die internationalen Großkonzerne heute den Staat ausplündern. Die beiden Autoren Hans Weiss und Ernst Schmiederer haben eine hochaktuelle Thematik aufgegriffen. Vordergründig geht es zwar nur um Methoden des
Abzockens durch internationale Großkonzerne in einer globalen Welt. Doch bei genauem Hinsehen erweist sich dies als ein Teilaspekt des Dilemmas der staatlichen Wirtschaftspolitik, das aus dem Irrgarten von Haushaltsdefiziten, sinkenden Steuereinnahmen, dem Subventionswildwuchs, bei stetig anwachsender Arbeitslosigkeit und der zunehmender Verarmung der arbeitenden Menschen in den Industrienationen entstanden ist: Der Globalisierung. Die beiden Autoren sind Journalisten und bedienen sich der Methoden des sogenannten investigativen Journalismus, sie befragen Experten aus Unternehmen, Politik und Wissenschaft und versuchen die Hintergründe und Vorgehensweisen der Manager bei ihrem Bemühen zur Renditensteigerung durch Steueroptimierung aufzuzeigen.
Und man kann es vorweg sagen: Es ist ihnen gelungen, ein äußerst spannendes Buch zu schreiben, das sich fast wie ein Krimi liest und das viele konkrete Fälle der legalen Steueroptimierung aufzeigt, aber auch den fließenden Übergang zur illegalen Steuerverminderung. Der flüssige und bildhafte Stil bei der Beschreibung der Recherchen ermöglicht auch dem wirtschaftlichen Laien einen Blick hinter die Kulissen. Das Buch
erweist sich als Fundgrube für alle, die sich für die Probleme der aktuellen Wirtschaftspolitik interessieren oder die im Berufsalltag mit den Fragen der Wirtschafts- und Steuerpolitik befaßt sind. Es sollte zur Pflichtlektüre aller Politiker, vor allem der Abgeordneten gehören, die über Gesetze abstimmen und abgestimmt haben, über deren Tragweite sie bisher zu wenig nachgedacht haben, weil sie sich einfach auf die angebliche
Sachkompetenz ihrer „Experten" in den Fraktionen verlassen. Gerade im Steuerwesen ist in den letzten Jahren so manches Gesetz verabschiedet worden, das sich dann in der Steuerpraxis als üble Fehlkonstruktion erwiesen hat. Die Autoren belegen das mit konkreten Beispielen.
Doch nun zu ihren wesentlichen Aussagen und Erkenntnissen:
Gleich am Anfang werden dem Leser Zahlen präsentiert, die ihn zu weiterem Vordrängen in die Materie motivieren: Er liest, daß internationale Konzerne in Deutschland immer weniger Steuern zahlen, daß ihr Anteil am gesamten Steueraufkommen in der Zeit von 1960 bis 2000 von 20 Prozent auf 6,7% Prozent gesunken ist, während gleichzeitig der Anteil der Steuern auf Löhne und Gehälter von 6,3 Prozent auf 19,4 Prozent angestiegen
ist. Während sie also zum allgemeinen Steueraufkommen immer weniger beitragen, lassen sich die internationalen Großkonzerne gleichzeitig in Milliardenhöhe aus den staatlichen Haushalten subventionieren. Schamempfinden ist ihnen dabei fremd:
Siemens-Tochter Infineon kassierte allein in Dresden über 1 Milliarde Euro an Subventionen (S. 314), DaimlerChrysler kassierte in Ludwigsfelde (Brandenburg) und Kölleda (Thüringen), ( S. 293), die Stromkonzerne E.ON und RWE kassieren Millionen für Wind- und Sonnenkraftenergie und für ihre kohlebetriebenen Energieanlagen (S. 298 und
311). Die Autoren stellen einige Methoden der Steueroptimierung durch die Global Player ausführlich und anschaulich dar. Voraussetzung dabei ist immer ein Mindestmaß an kreativer Buchführung. Das funktioniert, wenn Manager, Banken, Beratungsfirmen und Steuerberater innovativ kooperieren. In den Fällen der amerikanischen Großkonzerne Enron und Worldcom entpuppte sich die ursprüngliche „Kreativität" dann später als
nachweisbare Bilanzfälschung, als kriminelle Tat. Wenngleich gerade in letzter Zeit ähnliche Fälle krimineller Aktivitäten auch in Deutschland und Europa gehäuft aufgetreten sind, so sind doch die legalen Optionen der Steuerminderung, die die Autoren schildern, weit wichtiger.
Man gründet Tochterfirmen in Niedrigsteuerländern und verlagert ganze Betriebe in Niedriglohnländer, die obendrein noch durch die EU subventioniert werden. Die Tochterfirmen liefern Rohstoffe und Halberzeugnisse an die „Töchter" in den
Hochsteuerländern zu überhöhten Verrechnungspreisen. Ein typisches Niedrigsteuerland war bisher Irland, das Deutschland im Pro-Kopf-Einkommen in den letzten Jahren weit überholt hat. Die neuen EU-Länder in Osteuropa können es gar nicht mehr erwarten, die alten Empfängerländer wie Portugal, Spanien oder Griechenland in dieser Empfängerrolle abzulösen. Der Steueroase auf der englischen Kanalinsel Jersey widmen die Autoren ein
ganzes Kapitel. Doch auch innerhalb Deutschlands gab und gibt es solche Steueroasen, z.B. Norderfriedrichskoog an der deutschen Nordseeküste und Sössen in Sachsen-Anhalt.
Dort zahlte man eine Zeitlang gar keine und später eine sehr niedrige Gewerbesteuer. Das war Grund genug für deutsche und internationale Multis, dort zahlreiche Briefkastenfirmen zu gründen. Die Deutsche Bank, Unilever, E.ON, Lidl-Markt und Beate
Uhse gehören z.B. dazu. Firmen, die vor (Steuer-)Kraft kaum laufen können, schaffen es, in Norderfriedrichskoog über Jahre hinweg eine Gewerbesteuer von 0 zu bezahlen und damit ganz legal Millionen Euro an Steuern einzusparen. Es ist, wie wenn sich trainierte Muskelmänner in den Rollstuhl setzen und sich von ausgemergelten Pflegekräften (Steuerzahlern) spazierenfahren lassen. Solche „Kuren" verschreiben die Könner der BRD-Wirtschafts- und Finanzpolitik ...
Unzählige legale Steuertricks werden in dem Buch dargestellt. Viele dieser Steueroptimierungsmodelle, die sich die internationalen Großkonzerne in Zusammenarbeit mit den erfindungsreichen Wirtschaftsprüfern und Beratungsunternehmungen einfallen lassen, sind erst durch unzulängliche und fehlerhafte Steuergesetze ermöglicht worden. So konnten die Großkonzerne in Deutschland ganze
Firmenanteile mit Gewinn und steuerfrei verkaufen, was einem mittelständischen Unternehmen oder einem Handwerksmeister z.B., der seinen Betrieb bei altersbedingter Aufgabe verkaufen wollte, verwehrt ist. Verdächtig sind solche sogenannten
handwerklichen Fehler, wenn sie unter der Regie von Männern wie dem Bundeswirtschaftsminister Werner Müller oder dem Staatssekretär im Finanzministerium, Heribert Zitzelsberger geschehen, die vor ihrer regierungsamtlichen Tätigkeit in einem
Großkonzern tätig waren und nach der Gesetzesverabschiedung wieder an diese Stätte zurückkehren (S. 239). Die Korrumpierung der Gesetzgebung droht systemimmanent zu werden. Die letzten bekanntgewordenen Fälle der von der RWE bezahlten CDUFunktionäre
Laurenz Meyer und Hermann Josef Arentz sowie der von VW bezahlten SPD Abgeordneten zeigen überdeutlich, wohin die Entwicklung geht. Die Vielzahl der Fälle der steueroptimierenden Gestaltung von Unternehmensstrukturen
und Unternehmungsprozessen, die Hans Weiß und Ernst Schmiederer in ihrem Buch nachweisen, ist erschreckend. Das Ausmaß der Steuerkürzungen in Deutschland und auch in anderen Ländern der globalisierten Welt macht bewußt, daß die großen wirtschaftlichen Probleme unserer Zeit, wie stetig anwachsende Arbeitslosigkeit und die Verarmung der Massen einerseits und der grenzenlos wachsende Reichtum einer kleinen
Schicht von Kapitaleignern und Spekulanten andererseits ihre zentrale Ursache in der Globalisierung haben. Dieser Zusammenhang ist glasklar. Es wird die wichtigste Aufgabe
der Zukunft sein, ihn in aller Schärfe noch deutlicher herauszuarbeiten. Das wird dann auch die Aufgabe von Leuten sein müssen, die mit der Materie vertraut sind und sich trotzdem verständlich ausdrücken können. Diese notwendige Kritik an dem Buch darf nicht verschwiegen werden, denn es geht darum, die Sache an sich voranzutreiben.
Leider ist den Autoren in einigen Fallanalysen die Darlegung der kausalen Zusammenhänge etwas schwammig geraten, so daß manche Erklärung nicht wirklich nachvollzogen werden kann und der Verdacht aufkeimt, daß die Autoren gelegentlich
selbst Schwierigkeiten mit der ungewohnten Materie hatten. Vielleicht könnte man diese Schwäche auch schon durch eine erhöhte Sorgfalt des Lektorats beseitigen. Die
Feststellung jedenfalls, daß infolge des Doppelbesteuerungsabkommens zwischen Österreich und Brasilien ein Unternehmen sieben Mio. Euro sparen könne, die dann dem
deutschen (?) Finanzminister fehlten (Fallbeispiel auf Seite 186 f.), lassen diese Deutung zu. Solche Dinge wie auch andere kleine Mängel verdienten eine künftige Nachbesserung. Die Hauptsache ist jedoch, daß die Sache an sich den Menschen mehr
und mehr bewußt gemacht wird. Die Mechanismen der Vorteilsnahme durch Globalisierung und die Nutznießer der Globalisierung werden beim Namen genannt. Mit diesem Aufzeigen ist das Feld schon bestellt, die Saat kann ausgebracht werden.
Es ist zu erwarten, daß die Hintergründe und Mechanismen der „Asozialen Marktwirtschaft" nicht so schnell entfallen werden und das Buch deshalb noch weitere Auflagen erleben wird.