"Die Soldaten sind stärker als wir; sie schlagen und misshandeln uns,
während wir arbeiten."
(aus einem Lied der Kabre, einem Volk in Nord-Togo)
"Askari und Fitafita. "Farbige Söldner in den deutschen Kolonien"ist der im April 2008 erschienene achte Band der Reihe "Schlaglichter der (deutschen) Kolonialgeschichte". In den rund 30 Jahren deutscher Kolonialgeschichte wurden zwischen 40.000 - 50.000 Afrikaner, Asiaten und Ozeanier als Soldaten zum Einsatz in den Überseegebieten angeworben. Diese größtenteils freiwillig eingetretenen, teils aber auch mit Zwang rekrutierten Männer dienten nicht aus "Vaterlandsliebe" zum Deutschen Kaiserreich, sondern allein wegen des vergleichsweise hohen Lohns und der Aussicht auf Beute. Hierzu gehörten Drangsalierung der Bevölkerung, Plünderungen, Vergewaltigungen, ebenso wie Fälle von Kanibalismus (Neu-Guinea). Da die allermeisten ohne Skrupel den "Arbeitgeber" wechselten, sobald sich ihnen irgendwo eine bessere Verdienstmöglichkeit bot, werden sie in der Regel mit der Bezeichnung "Söldner" am treffendsten charakterisiert. Für die meisten Kolonialoffiziere und -beamten, waren die nichtweißen Soldaten aufgrund ihrer Hautfarbe Menschen zweiter Klasse in einer anonymen Masse. Der Autor durchbricht diese Anonymität, indem er - so oft wie - möglich Namen nennt......
Das erste Kapitel ist der Experimentierphase zwischen 1885 - 1891 gewidmet, in der sogenannte "Schutzbriefgesellschaften" wie die Neuguinea-Kompanie (NGK), die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft (DOAG) und die Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika (DKGSWA) zunächst Soldaten für ihre Privatarmeen und Polizeitruppen anwarben. Bereits in diesem Stadium hatte man erkannt, dass man die Truppen außerhalb ihres späteren Einsatzgebietes rekrutieren muss, um zu verhindern, dass zu bei Revolten zur einheimischen Bevölkerung überliefen. In den 1890er Jahren wurden die Polizeitruppen Ostafrikas, Südwestafrikas und Kamerun in "Kaiserliche Schutztruppen" umgewandelt und wurden so neben Heer und Marine zur dritten Teilstreitkraft.
Thomas Morlang hat seine Untersuchung der einstigen deutschen Kolonien systematisch in neun Kapitel gegliedert: Togo (Seite 23), Kamerun (S. 42), Deutsch Südwestafrika (S. 61), Deutsch-Ostafrika (S. 72), Deutsch-Neuginea (S. 97), Mikronesien (S. 117), Samoa (S. 128) und Kiautschou (S. 137). Zu Beginn eines Kapitels gibt es eine Landkarte in der die verschiedenen Ethnien halbfett gedruckt und auch die benachbarten Kolonien eingezeichnet sind. Der Leser erfährt, auf welche Arten Soldaten rekrutiert wurden und aus welchen Gebieten und Völkern sie entstammten. Bevorzugt wurden Söldner aus Überseegebieten konkurrierender Kolonialnationen wie Großbritannien, Frankreich, Portugal, den Niederlanden und Italien. Neben dem Kauf von Sklaven - die ihren Kaufpreis abarbeiten mussten - gab es noch andere Formen der Zwangsrekrutierung, wie z. B. Entführung. Daneben gab es auch Rekruten als "Häuptlingsgeschenke". Auch hatte man keine Bedenken, Straftäter aus anderen Kolonien einzustellen oder Deserteure aus anderen Armeen aufzunehmen.
Motivierend wirkte die Aussicht auf Beute, denn den Söldner wurde in der Regel erlaubt, eroberte Ortschaften zu plündern oder eine Gefangen genommene Frau als Geschenk zu erhalten. Obwohl Polygamie verboten war, wurde sie von den Kolonialherren geduldet. Bei Scheidungen entschied der deutsche Vorgesetze über das Los der Kinder, die in den meisten Fällen dem Vater zugesprochen wurden Militärstrafen, zu denen auch körperliche Züchtigung und Beschränkung der Nahrung gehörten, sowie die Vorenthaltung deutscher Auszeichnungen, wie das Frontkämpferkreuz, offenbaren den Rassismus, mit dem die Kolonialherren ihren dunkelhäutigen Waffenbrüdern entgegentraten. Die Bedienung von Maschinengewehren war ausschließlich weißen Soldaten vorbehalten. Zu der medizinischen Versorgung der Söldner gehörten in Neu-Guinea auch Versuche, bei denen regelmäßige Chiningaben in unterschiedlicher Dosis verabreicht wurden. Mit Ausnahme Kiautschous wird für jede Kolonie die Lebensgeschichte eines namentlich bekannten Söldners vorgestellt. Als weitere Themen werden militärische Ausbildung, Verpflichtungszeiten, täglicher Dienst Beförderungsmöglichkeiten, Tageslöhnung und Unterbringung ausführlich behandelt. Nicht ausgespart wird auch die hohe Quote von Deserteuren.
In einer Schlussbetrachtung beschreibt das letzte Kapitel, was aus den Söldnern nach dem Ende der deutschen Kolonialherrschaft wurde (S. 147). Alle Kapitel werden durch Essays, wie z. B. die Eidesformel für christliche Nama-Soldaten aus dem Jahr 1897 (S. 65), "Söldner aus der Südsee in Ostafrika" (S. 115) und zahlreiche Schwarzweißfotos aufgelockert. Die beeindruckendsten Aufnahmen zeigen ein Gruppenbild chinesischer Polizeisoldaten, die zur Unterscheidung am linken Oberarm ihrer Uniform eine Dienstnummer trugen (S. 141), drei uniformierte, barfüssige Fitafita (o le malo) auf Samoa (S. 131) und zwei kleinwüchsige melanesische Askari (S. 115). Die Erschießung eines Melanesiers (S 109) und ein uniformierter, ehemaliger Askari in Gesellschaft weißer Schutztruppenangehöriger, Zivilisten und eines "Sturmbannführers" der 25. "SS-Standarte Ruhr" in der Stadt Essen des Jahres 1938 (S. 155) lassen den Betrachter erschaudern. Zum Schluss gibt es noch einen Hinweis auf den 1944 im "Konzentrationslager" Sachsenhausen umgekommenen ehemaligen Askari Mahjub bin Adam Mohamed alias Bayume Mohamed Hussen für den im Herbst 2007 in Berlin ein Stolperstein gesetzt wurde. Das Schicksal Mahjubs kann in dem ebenfalls hervorragenden Band "Treu bis in den Tod" von Marianne Bechthaus-Gerst nachgelesen werden.
Dem studierten Historiker und Geographen Thomas Morlang ist eine differenzierte Darstellung gelungen, der auch den sogenannten "Askarikult" entmystifiziert. Ein 40seitiger Anhang mit Fußnoten, Quellen- und Literaturverzeichnis, Abbildungsnachweis,Abkürzungsverzeichnis, geographischen Register und Personenregister bilden den Abschluss seiner empfehlenswerten wissenschaftlichen Arbeit, die mit 5 Amazonsternen zu bewerten ist.