Natur ist in. Kaum jemand traut sich öffentlich, traditionelles Heilkundewissen auf den Prüfstand zu stellen und es im Licht der Wissenschaft einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Das ist bedauerlich, denn Erfahrungswissen alleine führt nicht unbedingt zu einer guten Therapie. Und eine aus natürlichen Kräutern hergestellte Arznei ist - wenn sie wirksam ist - genauso wenig frei von Nebenwirkungen wie eine Medizin aus der Retorte. Es ist den beiden Autoren von "Asiatische Heilkunde", Prof. Edzard Ernst und Thomas Bißwanger-Heim zu verdanken, dass sie unter anderem mit solchem Wunschdenken aufräumen. Sie geben sowohl einen fundierten Überblick über asiatische Heilverfahren, die sich nicht nur auf Kräutermedizin beschränken, sondern einen wesentlich ganzheitlicheren Ansatz verfolgen, und würdigen die Wirksamkeit der einzelnen Verfahren kritisch. Von japanischer Massage oder indischer Meditationstechnik bis hin zur chinesischen Kräutermedizin und tibetischem Schamanismus. Es versteht sich von selbst, dass die einzelnen Kapitel nur eine Einführung in die jeweiligen Heilmethoden darstellen, allerdings gibt die kritische wissenschaftliche Würdigung wertvolle Hinweise, welche Art von Erkrankungen mit welchen Methoden eine Chance auf Linderung oder Heilung haben. Nicht jede Krankheit spricht gleich gut an. Viele asiatische Heilmethoden beruhen auch auf dem Placebo-Effekt, dessen heilsame Wirkung in der klassischen Schulmedizin viel zu wenig Beachtung findet (übigens achten Mediziner genauso wenig auf den Schaden, den sie mit dem Nocebo-Effekt auslösen, also z. B. indem sie einem Patienten sagen, ihm sei nicht mehr zu helfen!). Hier ist das Buch am besten, denn es bewertet die Methoden vorurteilsfrei und mit den Ansprüchen der westlichen Wissenschaft. Das ist übrigens kein Widerspruch. Auch traditionelles "Wissen" gehört von Zeit zu Zeit auf den Prüfstand. Schließlich galt es jahrhundertelang in Europa als unangefochtene Tatsache, dass Aderlass gegen alle Krankheiten von Migräne bis Amöbenruhr hilft. Dieser Irrtum hat hunderttausende Menschen das Leben gekostet. Es wird also Zeit, auch in der asiatischen Medizin Gerüchte von Tatsachen zu trennen. Hier leistet das Buch einen wertvollen Beitrag.