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Wolfgang Büscher ist Vertreter einer Spezies, die man schon ausgestorben glaubte: die des Reiseschriftstellers. Einem breiten Publikum ist er mit seinem Reisebericht einer Wanderung von Berlin nach Moskau bekannt geworden. In seinem neuen Band verlieren er und die Leser sich in „Asiatische Absencen" - opulenten Beschreibungen, Fieberträumen und einzigartigen Erlebnissen jenseits der ausgetrampelten „Traumpfade". Frage: In einem Parforceritt schicken Sie den Leser von Indien über den Mekong auf den Schamanengipfel unweit der tibetischen Grenze bis in die Bar „Sexy Yeti" nach Shangri-La. Alles Asien, alles ganz anders, alles bizarr schön. Gibt es so etwas wie Ihren persönlichen Lieblingsort?
Wolfgang Büscher: Immer der, an dem ich gerade bin. Darum geht es in allen Erzählungen: sich in dem Moment, dem Ort zu verlieren, in und an den es einen verschlägt. Der Morgen allerdings, als nach tagelangem Aufstieg durch Monsunregen und Nebel der Himmel über dem Himalaya aufriss und wir endlich sehen durften, wo wir waren, wo hinauf wir gestiegen waren, war ein wirklich großer Moment - auf dem Gipfelplateau eines knapp 4.000 Meter hohen Berges stehend, um uns herum einige der ganz Großen: Manaslu, Annapurna. Niemand sprach. Alles stand und schaute, auf den Gesichtern lag das rötliche Licht der aufgehenden Sonne.
Frage: Die Auftaktgeschichte des Bandes nimmt den Leser mit nach Indien. In einem Rausch aus Bildern, Farben und Gerüchen verlieren Sie und wir scheinbar den Faden zwischen Fieberwahn und Wahrheit. Deshalb die Frage: Haben Sie den Maharadscha mit seiner Sitar und den Musik liebenden Affen wirklich getroffen? Oder war es eine der Absencen in Asien?
Wolfgang Büscher: Es ist die Geschichte eines Fiebertages allein in einem verlassenen Hospital irgendwo in Indien. Diesen Tag habe ich erlebt, ebenso wie die Flucht aus der Yogi-Zelle und das Ereignis im Tempel. Es ist aber zugleich eine Geschichte über die Fieberwirkung von Literatur, beginnend mit der Erinnerung an eine Jugendlektüre in ähnlich fiebrigem Zustand. Wirkliches und Geträumtes verlaufen ineinander, das liegt in der Natur der Sache. Die Affen des Maharadschas? Es gibt in der Tat (und gab früher umso mehr) einige erfreulich abgedrehte Fürsten dort.
Frage: In Ihrer Erzählung „Mekong Mama" stellen Sie die Frage: „Was suchte ich hier?" Was also suchten Sie dort und anderswo?
Wolfgang Büscher: Das, was anderswo anders ist, anders leuchtet, anders real ist als da, wo ich her komme. In meinem Fall sind Reisen der Stoff und der Zustand, die mich zum Schreiben bringen. In der Bibliothek schlafe ich ein. Unterwegs bin ich hellwach. Man könnte sagen, ich reise, um zu schreiben.
Frage: An anderer Stelle sprachen Sie vom Reisen als einer „unstillbaren Jagd". Können Sie das auch heute noch uneingeschränkt unterschreiben?
Wolfgang Büscher: Solange der Hunger anhält, ein gewisses Ziehen im Herzen, ist das so.
Frage: Heutzutage reist jeder. Eine Woche Seychellen oder Trinidad und Tobago pauschal - warum nicht? Was raten Sie als passionierter Reisender, der schon von Deutschland aus zu Fuß nach Moskau unterwegs war: Gibt es eine Einstellung oder Haltung, wie man sich Reisezielen nähern sollte, um ein bisschen mehr als das „All-inclusive" zu erleben?
Wolfgang Büscher: Diese Formen der Reise sind vorfabrizierte und vom Touristen ja auch so gewollte Kapseln, in denen dieser unterwegs ist. Klar, manchmal braucht man das und will mehr gar nicht haben. Wenn es aber darum geht, eine Erfahrung zu machen, wirklich etwas zu sehen, mit sich selbst unterwegs zu sein, dann muss man unbedingt aus der Kapsel raus. Dann muss man nicht nur etwas serviert kriegen wollen, dann muss man etwas hergeben, opfern, in Kauf nehmen: Zeit, Mühe, Alleinsein.
Frage: Wohin führen Sie Ihre nächsten Reisen?
Wolfgang Büscher: Vielleicht nach Amerika. Mal sehen.
Die Fragen stellte Hans Jürgensen, Literaturtest.
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