Wenn man hinter die Fassade schauen will, muss man genauer hinsehen.
Die Schwestern Shalott haben der mondänen Welt in Bel Air den Rücken gekehrt und sich in das beschauliche Cornwell zurückgezogen. Hier beziehen sie nun Ashby House - ein imposantes Anwesen, das allerdings seine beste Zeit hinter sich zu haben scheint. Der Glanz ist verblichen, doch es steckt sehr viel mehr Leben in den Gemäuern als den beiden Damen lieb sein kann. Die weltbekannte Fotografin Lucille ist nach einem Unfall an den Rollstuhl gefesselt und wird von ihrer jüngeren Schwester, Laura, versorgt.
Lucille betäubt sich mit Morphium und scheint die Restwelt nicht bewusst erleben zu wollen, mit einer Ausnahme, wenn sie Laura oder andere ihrer "Bediensteten" ermahnen und maßregeln kann. Doch Lucille hat sich nicht ohne Grund diesen Wohnsitz ausgesucht...
Schnell wird klar, dass ein düsteres Geheimnis Ashby House umgibt. Und unsere Heldin, Laura, schickt sich an, es zu entschlüsseln. Doch der Weg zu der Auflösung dieses Mysteriums ist nur der Anker für eine Vielzahl Überraschungen und Erkenntnissen, die man als Leser für sich gewinnen kann.
Das Personal wächst einem ebenso ans Herz wie die Schlagabtäusche der Hauptfiguren, die einen Tanz der Worte zelebrieren, der der eleganten Architektur von Ashby House entspricht. So zum Beispiel der distinguierte, wunderschöne Butler, Steerpike, der nicht nur problemlos neben einem Hollywoodstar bestehen kann, sondern als dessen Double durchgeht (freilich besitzt das Double mehr Stil und Anmut), oder der Eigentümer eines Spitzenrestaurants des Ortes, Mister Slasher, dessen Hang zur Jagd irgendwann genauso naheliegend ist wie sein Interesse für exquisites Essen, sowie die rührige Agentin von Lucille, die allein telefonisch ausreichend Präsenz entfaltet, um noch vor dem Eintritt in Ashby House angemessen in Empfang genommen zu werden und natürlich Mowgli, ein prächtiges Lassie-Antonym, ein treuer Begleiter im besten, gebrochenen Sinn.
Und dann geht es los. Das gut aufgestellte Team stellt sich Ashby House. Ein paar von ihnen verschwinden, ein paar von ihnen kommen sich näher und ein paar von ihnen geben Geheimnisse preis, während sie den Kampf um die Wahrheit von Ashby House aufnehmen. Gegen das Haus zu kämpfen ist sinnlos, denn die Charaktere haben mindestens genauso viele Risse, geheime Zimmer, aber auch schön verzierte Geländer und lichtdurchflutete Räumlichkeiten zu bieten, die sie mit ihrer Umgebung verschmelzen lassen. So ist der mitreißende Showdown sowohl die Offenlegung eines uralten Rätsels, als auch ein Sieg für viele der Personen, selbst wenn der Preis dafür mitunter das eigene Leben ist.
Ashby House ist eine spannende Geschichte, die auf mehreren Ebenen spielt und Figuren aus Fleisch und Blut entwirft, denen man mehr als gerne folgt, gerade weil man sich in ihnen mitunter vollkommen und mehrfach täuscht.
Wer also darüber hinaus erfahren will, warum Prinz Charles neben seinem Hang zu schönen Gärten noch einen weiteren Sympathiepunkt für sich verbuchen kann, wieso Feen nicht anders können, als so zu handeln, wie es ihre Natur vorgibt und aus welchem Grund der Kauf einer Kettensäge - selbst wenn man sie sich als Geschenk verpacken lässt - keine gute PR darstellt, dem sei die Lektüre empfohlen. Erst recht allen, die Bücher zu schätzen wissen, die einen mitfiebern lassen.