Nina Blazon lädt uns in Ascheherz ein auf eine Reise in eine phantastische Welt, die dem Tod den Krieg erklärt hat. Allerorts rekrutieren Fürsten Soldaten, um sie gegen die mysteriöse Lady Mar ins Feld zu schicken. Die geheimnisvolle Frau, die ihr Gesicht hinter einer eisernen Maske vor den Augen Fremder verbirgt, residiert mit ihrem Gefolge in einer Zitadelle im hohen Norden der namenlosen Welt. Niemand weiß, dass es ihre Diener sind, die dank ihrer magischen Flügelmäntel zwischen der Zeit reisen und den Sterbenden in der Stunde ihres Todes mit einem letzten Kuss den Übergang erleichtern. Und doch scheint es Menschen zu geben, die ahnen, dass die Lady mehr ist als ein Mensch. Lady Tod nennen sie sie, und sie sind fest entschlossen, ihre Macht zu brechen.
Die junge Summer wird unfreiwillig in diesen Krieg hineingezogen. Seit einem Unfall ist ihr Gedächtnis wie ausgelöscht. So zieht sie von Stadt zu Stadt, schlüpft immer wieder in neue Identitäten und erfindet sich jeden Tag neu. Kommt ihr jemand zu nahe, zieht sie sich zurück. Zu groß ist ihre Furcht vor dem Blutmann, dem Schreckgespenst ihrer Träume. In ihnen sieht sie immer wieder den gesichtslosen Fremden, der mit seinen festen Händen ein Schwert umgreift, um es auf ihren Hals niederfahren zu lassen. In Maymara, der Stadt der Masken, in der sie ihr Geld als Theaterdarstellerin verdient, wähnt sie sich lange Zeit sicher. Doch dann taucht der Blutmann ausgerechnet während einer Vorstellung auf und Summer weiß, dass es Zeit ist zu verschwinden. Gemeinsam mit einem mysteriösen Fremden reist Summer gen Norden. Dort hofft sie, in den Wirren des anstehenden Krieges untertauchen zu können. Je weiter Summer allerdings ins Nordland einbringt, desto näher kommt sie dem Geheimnis ihrer Herkunft. Und als sie sich erinnert, wer sie einmal war, ist es für eine Umkehr längst zu spät ...
MEINE MEINUNG:
In Ascheherz kehrt Nina Blazon in die Welt aus Faunblut zurück. In meinem damaligen Kurzinterview mit ihr zum Roman hat sie diesen mit den Schlagworten Ruinen, Düsternis, gespenstische Wesen und eine sterbende Stadt bedacht. Müsste ich für Ascheherz welche finden, würde ich Winterblüten, Tod und Asche, tragische Geheimnisse, vom Wind umtoste Türme, eiskalte Meereswogen und eine vergessene Liebe wählen.
Zunächst fällt es trotz Nina Blazons poetischer Sprache schwer, sich dem Zauber von Ascheherz hinzugeben. Auf den ersten zweihundert Seiten irrt der Leser ebenso wie die Protagonistin im Dunkeln, was um sie herum eigentlich genau vor sich geht und was für eine Geschichte die Autorin diesmal eigentlich erzählen will. Das ändert sich schlagartig mit Summers Ankunft im Nordland. Die Handlung wird ebenso wild, packend und schmerzlich schön wie die raue Landschaft, die Nina Blazon bildgewaltig zum Leben erweckt.
Anders als Faunblut spielt Ascheherz nicht an einem einzigen Ort. Die Welt wird größer - und wir erkunden sie gemeinsam mit Summer. Ascheherz kann übrigens problemlos für sich stehen; das Buch erzählt eine eigenständige Geschichte und Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Zu einem Wiedersehen mit Jade und Faun kommt es nicht. Dafür begegnet Summer auf ihrer Reise der Jägerin Moira, die hier etwas mehr Profil zeigt als noch im Faunblut. Wer aufmerksam zwischen den Zeilen liest und Eins und Eins zusammenzählt, erfährt auch auf sehr charmante Weise, was aus Jade und Faun geworden ist. Und natürlich kommt es zu einem Wiedersehen mit Lady Mar, die in Ascheherz nicht nur im Hintergrund agiert, sondern viel Platz im Roman eingeräumt bekommt. Dass Nina Blazon endlich die Geheimnisse von Lady Tod lüftet und der Lesern viel über deren magische Welt und ihre Motive erfährt, ist das, was mir persönlich an diesem Roman am Besten gefallen hat. Der Falter, der auf dem grandiosen Cover abgebildet ist, steht mehr als sinnbildlich für die faszinierende Welt der Lady Mar und ihrer Goldenen Barke.
Summer selbst hat mir als Protagonistin besser gefallen als Jade, zumindest ab dem Zeitpunkt, von dem an sie mehr über sich erfährt und beginnt, die Flucht nach vorne statt die Flucht nach hinten anzutreten. Im Verlauf des Romans begegnen ihr zwei Männer, die für ihr weiteres Schicksal eine große Rolle spielen. Einer von beiden ist ihr Seelengefährte, auch wenn sie das lange Zeit nicht erkennt. Zunächst fällt es dem Leser ebenso schwer wie Summer, diese beiden Figuren einzuordnen. Das war auch ein Grund dafür, warum sich für mich die ersten 200 Seiten etwas zogen. D'rann bleiben lohnt sich aber, denn danach spinnt Nina Blazon jene verzauberte, tragische, epische Geschichte voller Angst und Romantik, die man sich erhofft.
Nina Blazon verwebt in Ascheherz erneut geschickt verfremdete Bruchstücke alter Märchen und Sagen und zahlreiche eigene Ideen zu einem schillernden Kunstwerk Im Kern haben mich die Motive von Ascheherz an das Märchen der Kleinen Meerjungfrau erinnert sowie an die altnordischen Walküren-Sagen. Ob sich Nina Blazon davon hat inspirieren lassen oder ob diese Assoziation meinerseits Zufall ist, weiß ich nicht. Ich wage aber zu behaupten, dass Leser, die auf diese alten tragischen Geschichten stehen, von Ascheherz verzaubert sein werden. Summers bittersüße Geschichte berührt - und da der überwiegende Teil des 543seitigen Romans (Nina Blazons bislang umfangreichstes Werk; nicht zuletzt auch, weil es vom Format her größer ist als z. B. Faunblut) wirklich ergreifend und spannend ist, ist er absolut empfehlenswert!
Ascheherz ist ein großartiger Roman über die beiden größten Geheimnisse des Lebens: die Liebe ... und den Tod.