Kaum einen anderen Musiker habe ich in den letzten Jahren sooo lobend mit Jubelstürmen abgefeiert wie Justin K. Broadrick (Ex-NAPALM DEATH, GODFLESH) und sein göttliches "Band"-Projekt JESU. Seine beiden bisherigen Full-lenght-Scheiben "Jesu" und "Conqueror" gehören für mich zu den unangefochten Meisterwerken der letzten 15 Jahre, und haben eigentlich alles (!!!) zu bieten, was es im Genre des Melancholie-getränkten Postrock/Ambient/Doom zu sagen gibt - großartige Mini-Alben wie "Silver" , "Opiate sun" oder das gewaltige 1-Track-Monster "Infinity" sind dabei übrigens keinen Deut schlechter, und daher ebenfalls eine faustdicke Empfehlung wert.
Der nun vorliegende dritte JESU-Longplayer steht ebenso in lupenreiner Tradition der Erstwerke, weswegen alle Freunde todtrauriger Modern-Sounds natürlich wie immer bedenkenlos zuschlagen können. Dennoch ist bei diesem 61-Minüter das allererste mal ernste Kritik angebracht, was aber nur zweitrangig an der musikalischen Ausrichtung der 10 Songs liegt, die Justin K. Broadrick hier aus dem Hut gezaubert hat.
Zugegeben, einige Tracks sind in Punkto Songwriting eher im Mittelfeld beheimatet: Das flotte "Sedatives" drückt viel zu offensichtlich in die Alternative-Richtung, so dass hier eine Band wie BIFFY CLYRO als stilistischer Vergleich herhalten muss. Doch auch die musikalische Grundidee von "Birth day" (zu nett!) ist alles andere als neu - speziell diese Nummer klingt wie ein aufbereiteter Recycling-Song, den man halt schon von einem der Vorgänger in ähnlicher Form gehört hat. Das elektronische Ambient-Outro "Ascension" ist ebenfalls nur als Füller zu werten und kann daher komplett ausgeklammert werden.
Der Hauptkritikpunkt an "Ascension" ist aber zweifellos in der Produktion zu finden, die viel zu tiefenlastig ausgefallen ist. So dröhnen die Bässe teilweise viel zu laut im Vordergrund - checkt mal das total überlastete "Brave new world" an! - , weswegen viele Songwriting-Feinheiten im Sound-Matsch untergehen. Auch der Gesang von Altmeister Broadrick ist im Vergleich zu z.B. "Conqueror" viel zu leise abgemischt worden, was teilweise wirklich sooo weit geht, dass die Texte eigentlich komplett unverständlich sind. Erst wenn sich der Hörer intensiver mit "Ascension" auseinandersetzt, ist die Detailverliebtheit der 10 Songs zumindest in Ansätzen spürbar. Man benötigt schon verdammt gute Ohren und eine gehörige Portion Geduld, um sich den neuen JESU-Sound irgendwie schönzuhören. Aber es kann gelingen! Beim ersten Hördurchlauf fand ich die Produktion noch "katastrophal", mittlerweile immerhin nur noch "schwach". Egal wieviel Zeit man aufbringt, und wie viele Details sich im Nachhinein vor dem inneren Auge ausbreiten...die unbeschreibliche Magie der ersten beiden Scheiben bleibt weiterhin unerreicht.
All diese Kritik kann aber natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch das neue JESU-Album einige der feinfühligsten Moll-Momente des laufenden Jahres zu bieten hat, und über die 61minütige Spielzeit nicht mit grandiosen Ideen gegeizt wird. Neben dem ausgegklügelten Brachial-Opener "Fools" muss man vor allem den Mittelteil des Albums hervorheben, der mit Highlights geradezu gespickt ist: So bringen Songs wie "December" (mit geilen Gitarrenlinien!) , "Small wonder" , "Black lies" und die deprimierende Übernummer "Broken home" (absolut Debüt-würdig!) alle Vorzüge der typischen JESU-Atmosphäre tadellos auf den Punkt. Walzende Riffs...hypnotisierende Drum-Moves...brilliante Melodien, wie aus einem Paralleluniversum auf die Erde geworfen...und dazu gibt Justin K. Broadrick mit seinen zerbrechlichen Vocals (wie gesagt, viel zu leise!) die Töne an, die den Hörer so suchttreibend abhängig machen können. Keine Frage, Gott zu sein bedarf es wenig!
Fazit: Ich habe lange mit mir gehadert, wie ich die oben angeprangerten Sound-Defizite in der Endabrechnung bewerten soll. Denn schließlich haben sich JESU bei mir seit geraumer Zeit ein Abonnement auf die 5-Sterne erarbeitet, so dass ein Punktabzug mir beinahe schon seelische Schmerzen zufügen würde. Ja, diese Band ist mir ans Herz gewachsen!
Alles in allem ist der JESU-Neuling natürlich ein saustarkes Album geworden, auch wenn das haushohe Potential der ersten beiden Meisterwerke nicht erreicht wird. So richtig hat sich "Ascension" aber noch nicht in meinem CD-Player festgebissen. Und auch muss ich gestehen, dass vergleichbare Bands wie MORNE ("Asylum") und 40 WATT SUN ("The inside room") das Frust/Düster-Genre in diesem Jahr doch etwas besser vertreten haben. Schade!