Martin Wehling als Pharmakologe und Heinrich Burkhardt als Geriater haben ein sehr gutes Standardwerk für alle mit der Arzneitherapie älterer Menschen befaßten Ärzte geschrieben, das inzwischen in 2. Auflage erschienen ist.
Im ersten Teil werden allgemeine Aspekte vorgestellt, wie etwa die Heterogenität und Verletzlichkeit des alten Menschen, die ihn so empfänglich machen für unerwünschte Nebenwirkungen der Medikation. Epidemiologische Daten zum Alter und zu Frailty (Gebrechlichkeit mit dadurch noch größerer Gefährdung) und zur Häufigkeit von Medikamentengaben wie auch von Nebenwirkungen der Therapie im Alter folgen. Dann auch allgemeine Hinweise zur im Alter veränderten Pharmakokinetik und -dynamik von Arzneimitteln mit ihren potentiellen negativen Auswirkungen auf die Verträglichkeit. Schließlich folgen auch kritische Bemerkungen zur Anwendung von Studienergebnissen und Leitlinien auf die Therapie des alten Menschen, da es eigentliche Medikamentenstudien an dieser Klientel nicht gibt und wir daher Ergebnisse an jungen Studienteilnehmern auf die Alten einfach unkritisch übernehmen, ohne a) genau zu wissen, wie der alte Organismus reagiert, und b) ob eine bestimmte Therapie dem alten Menschen hinsichtlich Nutzen/Risiko-Bewertung überhaupt noch nutzt oder nicht mehr Schaden anrichtet.
Der zweite Teil geht ganz hauptsächlich unter Kenntnis der allgemeinen auf spezielle Aspekte der Arzneitherapie verschiedener wichtiger Erkrankungen beim alten Menschen ein: Hypertonus, Herzinsuffizienz, KHK, Hirninfarkt, Vorhofflimmern, COPD, Osteoporose, Diabetes mellitus, Demenz, Parkinson-Syndrom, Depression, Schlafstörungen, Schmerz und Tumortherapie.
Im dritten Teil wird die geriatrische Therapie der wichtigsten Syndrome im Alter vorgestellt: Welche Medikamente beispielsweise sollten bei einer Sturzneigung gemieden werden, welche Differentialtherapie ist noch möglich bei kognitiven Defiziten unter Vermeidung z.B. anticholinerger Nebenwirkungen vieler Medikamente, welche Therapie sollte man bei Inkontinenz erwägen, was bei Immobilität und Frailty des alten Menschen medikamentös beachten?
Der letzte Teil beschäftigt sich schließlich mit den Problemen mangelnder Therapietreue des alten Menschen wie auch seiner Polypharmazie, denn klar ist: je mehr Krankheiten ein Mensch im Laufe seines Lebens erwirbt, je mehr Medikamente erhält er oft auch von seinem Arzt. Aber: je mehr Medikamente er verschrieben bekommt, desto weniger nimmt er oft tatsächlich ein! Damit wird die Therapie oft ad absurdum gebracht.
Insgesamt ein unbedingt zu empfehlendes Werk, dem eine weite Verbreitung vor allem unter Internisten, Allgemeinmedizinern und Geriatern zu wünschen ist, daneben aber generell allen mit der medikamentösen Therapie alter Menschen betrauten Ärzten. (10.5.11)