Insbesondere Verehrer des großen russischen Geigers David Oistrach und seines Komponistenfreundes Dmitri Schostakowitsch kommen bei dieser schön edierten Doppel-CD auf ihre Kosten. Auf CD 2 finden sich die russischen Ersteinspielungen der beiden Violinkonzerte von Schostakowitsch von 1956 mit den damaligen Leningrader Philharmonikern unter Schostakowitsch-Spezialist Jewgeni Mrawinski bzw. von 1967 aus der Moskauer Philharmonie mit dem gleichfalls hochrangigen Schostakowitsch-Experten Kirill Kondraschin am Pult. Mrawinskis Dirigat ist gewohnt straff, eindringlich, kontrastreich, im Klangergebnis vielleicht sogar ein bisschen weniger dunkel als bei der ersten amerikanischen Aufnahme des Werkes mit
Dimitri Mitropoulos und den New Yorkern. Eigentlich muss man wohl beide Interpretationen haben, zumal auch die russische Aufnahme, 1956 natürlich ebenso wie die New Yorker Einspielung noch monophon, ziemlich gut durchhörbar, im Frequenzspektrum wenig eingeengt und recht plastisch klingt, eigentlich besser als die anderen Stereoaufnahmen auf dieser Doppel-CD. Auch die Aufnahme des zweiten Violinkonzerts mit Kirill Kondraschin am Pult ist sehr überzeugend, musikalisch ist das Werk hörbar dem Spätwerk des Komponisten zuzuordnen, melodisch lakonischer, aber äußerst expressiv. In beiden Konzerten ist das Spiel des Widmungsträgers Oistrach über alle Zweifel erhaben, sein großer, voluminöser, warmer Ton, seine phänomenalen bogentechnischen Fähigkeiten, seine suggestive Ausdrucksstärke dürften selbst Hörer für diese Werke einnehmen, die sich nicht als Schostakowitsch-Liebhaber einstufen. Es gibt diese Einspielungen auch in anderen Editionen.
Die Aufnahmen auf der ersten CD sind klanglich wie die Einspielung des zweiten Schostakowitsch-Konzerts zwar stereophon, aber ein wenig zu hallig, nur mäßig transparent, teils etwas schrill und eng, die Vergleichsaufnahmen der
EMI mit den gleichen Werken klingen deutlich angenehmer. Das Brahms-Konzert, wieder live aus Moskau mit Kondraschin am Pult, bietet im Vergleich zu den Versionen mit
Klemperer oder
Szell interpretatorisch keine wesentlichen Unterschiede, im Finale spielten Oistrach und Kondraschin etwas rascher, ansonsten ist der Zugang gewohnt gesanglich und legatofreudig, solistisch wie im Orchester sehr differenziert, klassizistisch, leichte Unreinheiten mögen der Live-Situation geschuldet gewesen sein. Auch die Aufnahmen des B-Dur-Konzerts von Mozart (K. 207) und der Beethoven-Romanzen (mit Roschdestwenski am Pult) bestechen durch Klarheit, Fehlen von Manierismen und einen straffen Zugang, recht schlank trotz natürlich großer Entfernung zur heutigen "historischen Informiertheit". Bei diesen zuvor wohl nicht veröffentlichen Aufnahmen würde ich letztlich jeweils die westlichen Einspielungen Oistrachs insbesondere aus klangtechnischen Gründen bei interpretatorisch recht geringen Unterschieden bevorzugen.