Streitschriften mit deftigen Formulierungen und ultraknappen Verkürzungen haben es einfacher, Aufmerksamkeit zu erregen. Obwohl dies selbstverständlich auch die Diplom-Psychologin Hanne Seemann weiß, hat sie der Versuchung standgehalten, das ebenso heikle wie aktuelle Thema des orientierungslosen Mannes allzu populärwissenschaftlich zu behandeln. Sprachlich flüssig und auch immer wieder unterhaltsam geschrieben, werden Thesen durch Verweise auf neue Forschungsergebnisse belegt, ohne dem Leser auch nur ansatzweise das Gefühl zu geben, hier würden Wahrheiten vertreten.
Aus der Wissenschaftsgeschichte kennen wir das Pendel-Phänomen bestens. Um Bewegegung in die Gleichberechtigung der Frauen zu bringen, war es notwendig, argumentativ so weit auszuschwenken, dass es Abwehr und Fehler provozierte. Aber wenn die Zeit gekommen ist, der anderen Seite wieder mehr Gehör zu verschaffen, muss dem Pendel wieder ein starker Stoss in die andere Richtung gegeben werden. Und genau das macht Hanne Seemann in zehn Kapiteln, die ich als eine Art Inhaltsangabe im Folgenden aufführe: Was ist los mit den Männern? Oder: Wie es möglich war, dass sie so "heruntergekommen" sind. - Der "ethnologische" Blick vom Aussichtsturm, oder: Von wo aus schauen wir wohin? - Was ist ein Mann? Oder: Fangen wir bei den ganze Kleinen an. - Ein "richtiger" Junge, oder: Wie sind und was tun kleine Jungs? - Die Heranwachsenden, oder: Ist Verrücktsein in der Pubertät normal? - Adoleszenz, oder: Wer bin ich und wer will ich sein? - Männer als Väter, oder: Väter werden ist oft schwer, Vater sein nicht gar so sehr. - Worin sie gut sind, die Männer, oder: Was man von ihnen nicht verlangen sollte. - Über die Liebe, oder: Sind Sie mit einer funktionalen Beziehung zufrieden? - Schlusswort, oder: nachgeschobene Ermutigungen für Männer und Frauen.
Die Kapitelüberschriften weisen auf eine der Qualitäten dieses Buches hin. Obwohl vor anstößigen Thesen nicht zurückschreckend, differenziert die Autorin bei allen zentralen Fragen so gut, dass dem Leser Raum genug bleibt, seine eigene Position zu finden. Allerdings darf er auch immer damit rechnen, die persönliche Meinung der Autorin zu erfahren. Was genetisch festgelegt und was durch Sozialisation anerzogen ist, wurde in den letzten Jahren so gut untersucht, dass sich nicht mehr jede These aufrechterhalten lässt. Und dort, wo wir uns noch immer aus spekulativen Gebieten bewegen, wird das den Lesern auch mitgeteilt. Wer also ein Buch in der Art von Pease & Pease erwartet, wird enttäuscht werden. Ich meine auch, dass sich die Frage, wofür es überhaupt Männer gibt, nach gut 200 Seiten sehr wohl beantworten lässt. Zwar nicht definitiv, aber immerhin so, dass ein neuer Zugang möglich ist.
Mein Fazit: Wer Denkanstösse geben will, muss auch damit rechnen, dass etliche Behauptungen anstößig wirken. Wichtig ist nur, dass eine persönliche Meinungen nicht als Wissenschaft verkauft wird und Wissenschaft nicht als Wahrheit. Mir hat die Lektüre dieser verständlich geschriebenen Mischung aus Berichterstattung und Streitschrift alte Erkenntnisse bestätigt und neue gebracht. Mehr darf und soll man von einem Buch nicht erwarten.