Durch Zufall bin ich in einem englischsprachigen Forum auf dieses Buch gestoßen und hab es mir anhand der positiven Rezensionen bestellt und regelrecht verschlungen.
Das Buch lässt sich leicht lesen und beinhaltet keine Fachsprache.
Es wird aufgeräumt mit Mythen und Ängsten rund um das Thema Kunst, aber aus der Sicht eines Künstlers, nicht eines Kunstbetrachters.
Der Autor befasst sich mit allem, was einen Künstler aufhalten könnte - Versagensängste, Erfolgsängste, Konkurrenz, Wettkampf, Perfektionismus und vielem mehr, und lenkt den Blick des Lesers auf den Prozess. Das ist verdammt wichtig, wie ich finde, denn auf den Prozess kommt es an. Andere Menschen sehen natürlich nur das Ergebnis und kritteln daran herum, die Macher allerdings müssen sich auf den Prozess des Schaffens konzentrieren und daran wachsen. Auch am Begriff "Kunst" sollte man sich nicht stoßen, man kann es nennen, wie man will. Von mir aus auch "Handwerk", Fakt ist aber, dass regelmäßige Beschäftigung damit erst dazu führt, dass man gut wird, vielleicht meisterlich. Ein Beispiel, das mir im Kopf geblieben ist, ist das mit der Kunstklasse.
Ein Professor hatte eine Klasse und unterteilte die Schüler in zwei Gruppen. Alle Schüler sollten eine Vase aus Ton machen. Die Endnote der einen Gruppe würde sich aus der Menge des verbrauchten Tons ergeben, d.h., je mehr Ton sie zum Üben verwendeten, desto besser die Note, kein Augenmerk auf das Ergebnis. Die andere Gruppe würde nur anhand ihres Endstückes, d.h., der einen, perfekten, fertigen Vase, die sie abgeben sollten, bewertet.
Nun dürfen Sie dreimal raten, welche Gruppe letztendlich die besseren Stücke abgab - die mit der einen, perfekten Vase oder die, die versuchte, soviel Ton wie möglich zu verarbeiten und in Folge dessen erstmal zig Übungsstücke anfertigte?
Man darf keine Angst davor haben, schlechte Kunst zu machen, gemäß dem Motto: Fear no mistakes, there are none.
Das Buch begleitet einen sicher durch all die fiesen Stimmen, die man so im Kopf hat, wenn man sich hinsetzt, um etwas zu machen und es wird einem klar, dass das Machen zählt. Das ist Kunst. Egal, was dabei herauskommt. Man MUSS malen, bildhauern, schreiben, nähen oder was auch immer. Das Etikett, das andere einem irgendwann aufdrücken, guter Künstler, schlechter Künstler, gar kein Künstler - das zählt nicht. Man hat nur seinen Prozess und auf den sollte man sich konzentrieren. DAS ist die Kunst, das ist das, wofür man sie macht und davon zehrt man. Nicht davon, irgendwann ein tolles Bild in einer Galerie hängen zu haben. Ich hab immer mehr fürs Endergebnis gearbeitet und demzufolge hatte ich Angst vor dem Prozess. Angst, was zu machen, denn an die Bilder in meinem Kopf reiche ich eh nicht heran. Konnte nur schlechter werden. Ich war völlig darauf fixiert, Bilder zu machen, die GENAU SO werden, wie ich mir das vorstellte, und ich wollte das Malen schnell hinter mir haben, damit ich endlich das fertige Bild haben könnte. Ich lehnte die andere Sicht, das Konzentrieren auf den Prozess, sogar ab. Beim Lesen änderte ich meine Meinung und die Erfahrung sagt, dass das gesünder ist.
Die mit "Kunst" verbrachten Minuten sind nicht flüchtig verflogen wie all die andere Zeit, von der man nur noch ein vages Gesamtbild im Kopf hat nach einigen Monaten. Man erlebt die einzelnen Momente, indem man sie verarbeitet, viel intensiver, man lebt mehr im Hier und Jetzt. Das macht für mich viel von der Faszination am Schaffen aus - der Prozess eben, die andere Sicht auf alltägliche Momente und das Filtern und Dokumentieren dieser.
Ich finde, damit gelangt man zu einem ganz anderen Bewußtsein und das ist, wenn Leute sagen, dass man durch Zeichnen (Schreiben, Malen usw.) erst SEHEN lernt. Indem ich die winzigen Details des Kirchturms gegenüber in meinem Skizzenbuch festhalte, erfasse ich den Turm in all seinen Einzelheiten erst, dann ist er erst richtig bei mir angekommen. Vorher war es nur ein Rechteck mit einem Dreieck und einem Kreuz drauf. Und sind es nicht grade spezifische Details, die uns an einer Sache faszinieren?
Das Buch motiviert ungeheuer, sich hinzusetzen und was zu machen. Das zählt für mich. Man kann es immer wieder zur Hand nehmen und darin schmökern, bei Durststrecken, wenn man Zusatzmotivation braucht, aber auch einfach nur aus Interesse.
Du und dein täglicher Kunstprozess, der nur dir gehört, den kein anderer so erfassen kann, weil nur du ihn so erlebst, wie du ihn erlebst - tröstliche Worte.