Seit Paracelsus gilt: Allein die Dosis macht das Gift. Das gilt auch für das Arsen ("arsenicum album"): In kleinen Dosen genossen, gilt das Gift als Aphrodisiakum und Stärkungsmittel.
Leser der Hochschulzeitschrift UNICUM kennen seine Strips, auch in der Online-Ausgabe des SPIEGEL erscheinen Jan-Michael Richters Szenen aus dem Alltag eines Comic-Zeichners. Wie aber beschreibt man den typischen Jamiri-Stil Lesern, die den Comics des Wahl-Esseners noch nicht begegnet sind?
Die Panels in Arsenicum Album wirken auf mich, als habe der Künstler Fotos in Photoshop bermalt und dabei einzelne Bildbestandteile hervorgehoben und andere stark stilisiert. Der Jamiri-Filter hebt die Figuren der Bildergeschichten in kräftigen Outlines vom Hintergrund ab; die Szenerien hingegen, die oft nur angedeutet werden, erinnern mich an die aquarellierten Landschaften, in die Cartoonist Marunde seine tierischen Protagonisten hineinzustellen pflegt. Was inhaltlich bedeutsam ist, erscheint mit kräftiger Kontur, der Rest wird zuweilen nur angedeutet.
Damit ist klar, worauf das Hauptaugenmerk des Künstlers liegt: Nicht auf detailverliebten Bühnenaufbauten, sondern den Akteuren seiner kurzen Szenen. In vielen davon stehen der Zeichner selbst und seine Frau Beate im Mittelpunkt, seitenfüllende Cartoons wechseln ab mit herkömmlichen Strips, die in mehreren Panels jeweils eine kurze Szene aus dem Zeichner-Alltag schildern. Der ist bevölkert von Fans, die schon mal das literarische Ich ("Space-Jamiri") mit dessen geistigem Vater verwechseln und die der Zeichner durch die kurze Replik desillusioniert, es gehe nicht im Space-Fiat in die Nebel von Bakh-Tarr, sondern "nach Hattingen zur Darmspiegelung" - der Fan, das weiß Jamiri nämlich ganz genau, ist "eine Lebensform, die man am besten ungebremst auf die Realität aufprallen" lässt. In anderen Cartoons räsoniert Jamiri über das Verfassen und Versenden von E-Mails "zu vorgerückter Stunde im besoffenen Kopf" ("Drailing"), rechtfertigt vor Ehefrau Beate den Kauf eines bei youtube entdeckten blauen Armaturenbretts mit Verweis auf das Cockpit des Star Wars-Raumschiffs "Rasender Falke" und tauscht sich mit einem Kumpel über web- und computer-affine Abkürzungen aus ("Cache Patrol") - Ergebnis: "IMHO", "DPI" und "LOL" kennt alle Welt, aber wofür "MILF" steht, bleibt rätselhaft. Ein Schelm, wer Böses denkt angesichts der allzu ostentativ Ahnungslosigkeit heuchelnden Kerls.
In ihrer Lakonie erinnern mich die Pointen der Jamiri-Geschichten an die Cartoons der in verschiedenen Zeitschriften veröffentlichten Kolumne "Marundes Landleben", auch an die "Strichmännchen-Geschichten" aus Werner Enkes (jawohl, der Enke, dessen wunderbarem Film "Zur Sache, Schätzchen" Uschi Glas ihren Spitznamen verdankt, den sie seit bald 40 Jahren nicht loswird) gleichnamigem Buch habe ich mehr als einmal denken müssen.
Lob verdient nicht nur der amüsante Inhalt, sondern auch die Aufmachung des im verdienstvollen Wuppertaler Comic-Verlags EDITION 52 erschienenen, rund 50 Seiten starken Hardcoverbandes: Von der Qualität des Papiers und der Güte der Reproduktionen könnte sich manch größerer Verlag gern eine Scheibe abschneiden. Man muss sich wirklich fragen, warum die in diesen Tagen erschienenen Ausgaben der vergleichsweise minderwertig wirkenden Faksimile-Ausgabe der "Tim und Struppi"-Klassiker aus dem Verlag Carlsen pro Band knapp 5 Euro teurer sein müssen als ein Band wie dieser, der bereits für 13 Euro erhältlich ist - und der dabei, anders als die Bände von Carlsen, nicht in China gedruckt wird.
R e s ü m e e
Mit "Arsenicum Album" legt Zeichner Jamiri ein pointenpralles Album vor, dessen jeweils eine Seite umfassenden kurzen Szenen und Geschichten ganz auf der Höhe der Zeit sind. Die Zeichnungen sind eine echte Augenweide, die Aufmachung des Bandes aus der verdienstvollen EDITION 52 ist erstklassig: Wer auf der Suche nach einem Geburtstagsgeschenk für den liebsten Nerd im eigenen Bekanntenkreis ist, kann mit "Arsenicum Album" für schlappe 13 Euro einen echten Volltreffer landen.