"Arsen und Spitzenhäubchen" -- das ist eine Jahrhundert-Komödie! Selten ist ein beschauliches Vorstadt-Idyll rasanter und hysterischer ins Makabre abgedriftet, und sogar unter den Screwball-Komödien der Extraklasse, von denen in jener Zeit ja etliche gedreht wurden, ragt dieses Prachtstück heraus.
Dabei beginnt alles so beschaulich auf dem klassischen Schauplatz des Idylls: auf dem Standesamt... Aber wie man aus dem Vorspann weiß, geht der Wahnsinn los, sobald man die Brooklyn Bridge überschritten hat.
Es geht um den frisch verheirateten Theaterkritiker Mortimer Brewster (Cary Grant), der in der Fenstertruhe seiner beiden herzensguten Tanten (wunderbar altjüngferlich: Josephine Hull und Jean Adair) eine Leiche entdeckt, und dem die beiden in aller Unschuld von 11 weiteren einsamen älteren Herren berichten, die sie mit Arsen im Holunderbeerwein mildtätig vergiftet und anschließend im Keller christlich bestattet haben... dann gibt es noch den nicht minder verqueren Bruder Teddy Brewster, der sich für Theodore Roosevelt hält, bei den Tanten lebt und im Keller die Schleusen für den Panama-Kanal gräbt... und einen weiteren Brewster-Bruder, Jonathan (Raymond Massey), genauso verrückt und obendrein sadistisch, ein international gesuchter Massenmörder, dem der zwielichtige Chirurg Dr. Einstein (Peter Lorre) gelegentlich ein neues Gesicht verpasst -- vor der letzten Operation allerdings hatte er "Frankenstein" mit Boris Karloff gesehen...
Damit der Wahnsinn perfekt wird, spielen noch einige Nebenfiguren mit, jede bestmöglich besetzt: Ein sarkastischer Taxifahrer, eine verliebte Pfarrerstochter, ein theaterbegeisterter Polizist, ein leidgeprüfter Psychiater, und einige mehr.
Cary Grants Talent, sagenhaft dämlich und/oder verblüfft dreinzuschauen, läuft in diesem Film zur Hochform auf: Mortimer Brewster treibt die Erkenntnis, der einzige Normale im Hause zu sein, seinerseits schier in den Wahnsinn -- und das in einem Wahnsinnstempo!
Ein solches Chaos anzurühren ist allein schon ein Kunstwerk, aber dieses Chaos einem harmonischen Ende entgegenrasen zu lassen, das ist eine echte Meisterleistung! "Arsen und Spitzenhäubchen" gehört zu den Filmen, die man noch hingerissen anschaut, wenn man längst die Dialoge mitsprechen kann.
Auf dieser DVD ist sind neben der allgemein bekannten, leicht gekürzten deutschen TV-Fassung und der (ungekürzten) deutschen Kinofassung natürlich noch das Original enthalten.
Deutsche Zuschauer werden begeistert feststellen, dass Peter Lorre im Original ein "German English" reinsten Wassers radebrecht -- die deutsche Synchronisation war damit offenbar überfordert. Davon abgesehen aber stellt sich als zweite Erkenntnis ein: In den 50er Jahren konnten Synchronisationen noch kongeniale Leistungen sein, sogar bei solch außergewöhnlichen Vorlagen! Der Sprachwitz der englischen Fassung geht nicht verloren (sieht man von Lorres "Englisch" einmal ab), im Gegenteil! Wer erinnert sich nicht an Cary Grant, der seine beiden schmollenden Tanten belehrt: "Man bringt keine Leute um. Erst ist es eine schlechte Angewohnheit, und dann wird es zur Unsitte!" -- ein Satz, den man eingerahmt übers Kanapee hängen sollte. Im Original ist hier "nur" von "bad habits" die Rede.
Und sonst -- hört man gelegentlich, dass auf der DVD zu wenig "Bonusmaterial" enthalten sei. Ja, was wollen die Leute denn noch alles?! Ich schließe mich der Meinung an: Gute Regisseure haben ihre Gründe, warum sie einen Film am Ende so veröffentlichen, wie sie ihn veröffentlichen. Zu Capras Zeiten war es außerdem noch nicht üblich, den Abfall aufzuheben und bei erstbester Gelegenheit zu versilbern.
Fünf(zig) Sterne!