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Der Schicksalsschlag seines Lebens traf den römischen Dichter Publius Ovidius Naso in seinem 50. Jahr, dem 8. der modernen Zeitrechnung. Während eines Besuches der Insel Elba überbrachte ihm ein Bote die aus heiterem Himmel kommende Nachricht, Kaiser Augustus habe die Verbannung gegen ihn verfügt: in das finstere Tomi am Schwarzen Meer. Für diese Demütigung hat der Dichter selber zwei Gründe vermutet und sie als späte Strafe für einen von ihm verfassten "Gesang" und als Rache für einen von ihm begangenen "Fehler" gedeutet. Mit dem Gesang spielte Ovid auf seine für damalige Verhältnisse frivole "Liebeskunst" an, einen teilweise aus der Sicht der Frauen riskierten Ratgeber, den er im Geburtsjahr Jesus Christus veröffentlicht hatte. Mit dem Fehler war höchstwahrscheinlich seine leichtfertig ausgeplauderte Mitwisserschaft an einem "Skandal" gemeint: der ehebrecherischen Liaison, welche eine Enkelin des sittenstrengen Kaisers unterhielt. Ovid starb im Jahre 17 n. Chr.
Ovid unterteilte seine Liebeskunst in drei Büchern. (1) und (2) geben den jungen Männern Anweisungen für die Liebespraxis, kein Ratgeber für besseren Sex oder als Ersatz fernöstlicher Stellungsberater. Ovid geht es um drei zentrale Fragen: (a) Wo findet man ein Mädchen? Buch 1 bis 262; (b) Wie kann man ein Mädchen erobern? -770 und (c) Wie verleihe ich der Liebe Dauer. Buch 2. In Buch 3 rät er den Mädchen, wie sie mit einem Mann umzugehen haben. Ovids Werk gehört damit zu den Lehrdichtungen wie auch Lukrez es tat, auch zu den Liebesdichtungen, wie seine Amores und letztendlich gewinnt es aus den Erfahrungen des Dichters selbst. Ovid will hier umfassend lehren und informieren, möchte aber auch als Liebesdichter zärtliche Gefühle besingen, ähnlich einer Sappho oder eines Pindar. Ovid zählt bereits zu Lebzeiten zu den meistgelesenen Dichtern seiner Zeit..
"Nun habe ich ein Werk vollendet, das nicht Iuppiters Zorn, nicht Feuer, nicht Eisen, nicht das nagende Alter wird vernichten können. Mit meinem besseren Teil werde ich fortdauern und mich hoch über die Sterne emporschwingen. Mein Name wird unzerstörbar sein und durch alle Jahrhunderte im Ruhm fortleben."
Dieses Selbstbild des Dichters wurde glanzvoll bestätigt. Dante zitierte seinen Schicksalsahnen in der "Göttlichen Komödie" immer wieder. Luther adelte den Poeten 1537 in seinen "Tischreden", und Shakespeare ehrte ihn 1593 in "Der Widerspenstigen Zähmung". "Meister geiler Lüsten" wurde er genannt, Diderot erfreute sich 1760 am "Feuer seiner Leidenschaft". Nachdem Herder 1767 gewettert hatte, der überkandidelte Römer habe der "Dichtkunst alle ihre Würde geraubt", verteidigte der darüber verärgerte Goethe das "vorzügliche Individuum" 1812 immerhin in "Dichtung und Wahrheit". Zwischen den Stühlen hingegen bewegte sich 1751 der seines Urteils nicht ganz sichere Lessing: "Ich singe nicht für kleine Knaben, die voller Stolz zur Schule gehn, und den Ovid in Händen haben, den ihre Lehrer nicht verstehn." Und so konnte Baudelaire nur folgern: "Bewahre dir dein Träumen."
Denn wenn Ovid fragte; "Doch warum zweifeln und zaudern? Neue Wonne lockt traut." formulierte Baudelaire direkt: "Du bist mir immer Lust in Müdigkeit und Gier;" doch Ovid blieb gelassen, sah "zärtliche Reden, versteckt in zweideutiger Sprache", die den Wunsch ankündigen. Ungeschick und Zagen (Zaudern) sind Verhalten eines Tölpels, sagt er, wer den Kuss nähme, auf den Rest verzichte, setzt auf verlorenes Spiel. "Liebe ist Kriegskunst. Feiglingen bleibt sie verschlossen."
"Nun aber schmied ich für dich, Penthesilea, das Schwert." So beginnt Ovid sein drittes Buch, für die Frauen. Hier gibt er ihnen die Weisheit mit Männern umzugehen, sich zu erinnern, was schon mal geschah, denn "Theseus segelte rasch, Ariadne blieb weinend am Strand." Den Verlassenen, sagte er, fehlte eben die Kunst, die er lehrte. "Ein vollendetes Kunststück sei auf dem Lager ihr Tun" und dieses nahm Kleist als Idee seiner Penthelisea (Was! Ich? Ich hätt ihn -? Unter meinen Händen -? Mit diesen kleinen Händen hätt ich ihn -? ..... )
Doch für beide Geschlechter soll gelten: "Klugheit erwirb, statt schwindenden Reizen zu trauen, Bilde den Geist, dem kommenden Alter zu trotzen. Was du erlernst, bleibt dein."
So kann auch der Leser schließen: "Die Kunst zu lieben lehrte mich Naso".