kulturnews.de
Klappentext
Vanity Fair
»Eiskalt und bösartig.«
Der Spiegel
»Hochspannende, brutale und sexy Literatur.«
Neon
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Taschenbuch
.
Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
»Eine Neunmillimeter aus chinesischer Herstellung«, erklärte er, »die exakte Kopie der Browning HP. Die Chinesen kopieren alles. Sie arbeiten sauber und genau. Wenn die Schriftzeichen nicht wären, würdest du sie für ein Original halten. Aber die Mechanik ist Scheiße. Bleibt mitten im Nachladen hängen. Äußerlich perfekt, aber im Inneren funktioniert nichts ... Genau wie der chinesische Sozialismus.«
Ich nickte, um Interesse zu heucheln. Comandante Cayetano war ein legendärer Guerilla-Anführer. Und einer der wenigen Überlebenden. Er war über sechzig und trug einen langen, dünnen Spitzbart a la Onkel Ho, und ganz wie der vietnamesische Revolutionsführer war auch er lang und dünn. Als Sohn eines Zuckerbarons hatte er sich schon in seiner Jugend auf die Seite der Armen und der Indios geschlagen. Ein konsequenter Typ. Hart und mutig, der hatte was in der Hose. Gewiss hatte er mich nicht zum Plaudern holen lassen. Das hatte er nie getan. Ich war ihm nicht sympathisch.
»Leg ihn um.« Er hielt mir die Pistole hin. »Ein Schuss genügt.«
Ich nickte nochmals. Ich ließ keine Überraschung erkennen und fragte nicht, wen ich umlegen sollte. Ich hatte genau verstanden.
»Warum ich?« Die Frage war meine ganze Reaktion.
»Weil du auch Italiener bist. Ihr seid zusammen gekommen, ihr seid Freunde. Besser, die Sache bleibt in der Familie«, sagte er boshaft, in einem Ton, der keine weitere Frage zuließ.
Ich nickte zum xten Male, und am nächsten Abend drückte ich ab. Niemand im Lager machte eine Bemerkung zu dem Vorfall. Alle hatten es erwartet.
Das war alles, diese Exekution aus dem Hinterhalt war meine ganze Erfahrung als Guerillakämpfer. Einen töten, der genau wie ich beschlossen hatte, sein Leben dem Kampf eines zentralamerikanischen Volkes zu widmen. Mit Worten. In Wahrheit waren wir zwei arrogante Arschlöcher, waren aus Italien geflohen und vor den Fötzchen der Universität, wurden wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung und irgendwelchen belanglosen Attentaten per Haftbefehl gesucht. Und dann war da noch die Bombe, die wir vor der Industrie- und Handelskammer gelegt hatten und die einen Nachtwächter tötete. Einen Pechvogel kurz vor der Pensionierung. Die Tasche war ihm aufgefallen, er war vom Fahrrad gestiegen und hatte den dämlichen Einfall, die Nase reinzustecken. Den Zeitungen konnten wir entnehmen, dass er allabendlich dort vorbeikam. Wir hatten das einfach nicht kontrolliert, waren zu beschäftigt damit, in der Kneipe mit den Aktionen anderer anzugeben. Nach einer halben Stunde auf der Wache beschloss ein Mädchen, mit dem ich seit ein paar Wochen ging, auszusagen und unsere Namen zu verraten. Wir mussten in aller Eile über die französische Grenze. Als wir dann ein Jahr später in Paris erfuhren, dass wir zu einer Haftstrafe verurteilt waren, sahen wir einander in die Augen und beschlossen, Helden zu spielen. Nur war der Dschungel eine andere Nummer als das Quartier Latin, er war nicht Bergamo und auch nicht Mailand. Und wenn der Feind dich fasste, steckte er dich nicht in den Bau, sondern zog dir bei lebendigem Leibe das Fell über den Kopf. Bei unserer Ankunft waren wir voller Begeisterung und gesundem revolutionärem Eifer, aber nach einer Woche hatten wir begriffen, dass das Leben bei der Guerilla die Hölle war. Glücklicherweise wurden wir nie an vorderster Front eingesetzt. Zum direkten Kampf mit den Rangern der Diktatur und ihren amerikanischen Ausbildern fehlte uns der Mumm, anders als den schweigsamen Indios. Die lächelten nie. Sie lebten und starben unbewegten Gesichts. Mein Freund war mit der Zeit durchgedreht. Er hatte angefangen zu trinken und mit den Soldaten, die unsere Einheit bei ihren Hinterhalten gefangen nahm, seine seltsamen Spielchen zu treiben. Ich hatte ihn gewarnt, dass man in dieser Gegend kein Verständnis für gewisse Schwächen hatte, aber er hörte auf niemanden mehr. Er verbrachte die Tage wie ein Roboter in Erwartung der Nacht.
Ich nutzte die Ankunft eines Trupps von Fernsehleuten aus Spanien, um Comandante Cayetano, den gefährlichen Kämpfen und der gerechten Sache, die mir mittlerweile scheißegal war, zu entkommen. Eine kurzbeinige, dickärschige Journalistin hatte ein Auge auf mich geworfen. Ich gab ihr das Gefühl, ein berauschendes Abenteuer mit einem der letzten Kämpfer der Internationalen Brigaden zu erleben. Nach ein paar leidenschaftlichen Nächten erwirkte sie beim Comandante, dass er mich als ihren Assistenten bei den Interviews abstellte. Ich floh zu Fuß über die Grenze nach Costa Rica, nachdem ich versprochen hatte, zu ihr nach Madrid zu kommen. Aber ich hatte keine Papiere, und mit der Aussicht auf Lebenslänglich nach Europa zurückzukehren, schien mir immer noch ein zu großes und sinnloses Risiko. Lieber suchte ich mir eine Arbeit am Strand. Investoren aus Europa, vor allem aus Italien, hatten angefangen, an der wunderschönen, unversehrten Küste Hotels hochzuziehen. Es gab keine Verträge, keinerlei Bodennutzungspläne, und die Frage der Baugenehmigung wurde mit einem schlichten Schmiergeldsystem geregelt. Vom Paradies auf Erden zum Paradies aus Beton. Neben Italienisch sprach ich Spanisch und kam mit Französisch sehr gut zurecht. Eine italienische Hotelbesitzerin stellte mich als Barkeeper ein, eine stinkreiche Vierzigerin, sie lebte getrennt, hatte keine Kinder. Eine geschäftstüchtige Mailänderin. Eine von denen, die wissen, woran sie mit einem sind. Als ich mich vorstellte, musterte sie mich von oben bis unten. Der Anblick schien ihr zu gefallen, aber dumm war sie nicht. Sie sagte mir ins Gesicht, ich sei eindeutig ein Terrorist auf der Flucht. Einer von diesen Idioten, die ihr Auto abgefackelt hatten, um mitten in Mailand eine Barrikade zu errichten. Sie wusste noch das Datum. Ich auch. Drei Tage des Zorns, die ganze Stadt stank nach Benzin und Tränengas, zwei Tote, Varalli und Zibecchi.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Taschenbuch
.