Zahlreiche Schriftsteller haben sich neben ihrer literarischen Berufung auch dem Medium Fotografie mit besonderem Interesse zugewendet. Sie sahen diese Beschäftigung als eine Erweiterung ihres geschriebenen Werkes an. Bereits im 19. Jahrhundert, als die Fotografie noch in den Kinderschuhen steckte, gab es bekannte Beispiele wie Anton Tschechow, Emile Zola oder George Bernard Shaw. Aber auch Autoren der Gegenwart wie Benjamin von Stuckrad-Barre oder Wladimir Kaminer nutzen die Kamera, um ihre literarischen Momentaufnahmen zu untermauern.
Auch für den deutschen Schriftsteller Arno Schmidt (1914 - 1979) gehörte die Fotografie immer zu seiner Arbeit und zu seinem Leben - zunächst für die privaten Momente, später auch als literarisches Hilfsmittel. So suchte er stets nach neuen Prosaformen, u. a. mit Raster- und Fototechnik. Vom Preisgeld seines erstes Literaturpreises 1950 kaufte sich Arno Schmidt eine Rollfilmkamera - so wichtig war ihm dieses Medium. Im Nachlass fanden sich rund tausend Schwarzweißbilder und etwa 2500 Dias.
Sein fotografisches Werk rückte in den letzten Jahren immer mehr ins Interesse der an Kunst und Fotografie interessierten Öffentlichkeit. So macht in den nächsten Monaten eine Ausstellung mit einer Auswahl auf sein fotografisches Nebenwerk aufmerksam. Die Ausstellung wird dabei auf zahlreichen Stationen gezeigt (u. a. Lübeck, Arles, Greifswald, Venedig, Rheinsberg, Hamburg und Erfurt).
Im Hatje Cantz Verlag ist das Begleitbuch zu diesem bemerkenswerten Ausstellungsmarathon erschienen. Die zahlreichen Bildbeispiele zeigen, wie bewusst Schmidt seine Umwelt beobachtete. Sie repräsentieren dabei alle Lebensstationen. So dokumentierte er die norddeutsche Heidelandschaft mit ihren Häusern, Gärten und Straßen. Auch sein Arbeitszimmer in Darmstadt und verschiedene Blicke vom Balkon oder die allmähliche Wandlung seines Hausgartens hat er im Bild festgehalten.
Neben diesen biografischen Aspekten rückte die Fotografie als Hilfsmittel des schriftstelle-rischen Prozesses in den Vordergrund. So fertigte er für seine Prosawerke mitunter direkte Bildstudien an.
In vier Essays (zweisprachig: deutsch - englisch) untersuchen namhafte Kunsthistoriker dieses künstlerische Nebenwerk Arno Schmidts aus verschiedenen Perspektiven. So wird das "Fotografieren und Verdichten der Wirklichkeit" in Arno Schmidts literarischem Werk beleuchtet, wobei auch näher auf seine fotografische Praxis eingegangen wird. Ein weiterer Beitrag setzt sich mit den mehr familiären Erinnerungsfotos auseinander, die Arno Schmidt und seine Ehefrau Alice immer wieder von ihrem täglichen Umfeld anfertigten.
Fazit: Ein äußerst interessanter Bild-Text-Band über eine bisher wenig beachtete künstlerische Seite des Schriftstellers Arno Schmidt - mit allgemeinen Betrachtungen zur Doppelbegabung Dichter-Fotograf.
Manfred Orlick