Vor Trimborns "Biografie" über den Bildhauer Arno Breker kann nur gewarnt werden. Sie ist nicht nur miserabel geschrieben (Ezra Pound, der vielleicht bedeutendste Dichter des 20. Jahrhunderts, wird als "brauner Gesinnungsgenosse" Brekers bezeichnet), sondern auch im höchsten Maße wissenschaftlich unseriös. So werden entscheidende Dokumente wie z.B. Brekers Schuldeingeständnis im Brief an den Kunsthistoriker Albert Büsche vom 8. August 1946, Brekers öffentliche Distanzierung vom Dritten Reich aus dem Jahr 1981 sowie Stellungnahmen von Verfolgten des NS-Regimes, die allesamt im Katalog der von Trimborn als unwissenschaftlich gescholtenen Schweriner Breker-Ausstellung dokumentiert sind, von Trimborn unterschlagen oder verkürzt wiedergegeben. Stattdessen bezeichnet er Hitler als Galeristen Brekers und behauptet allen Ernstes, der Bildhauer habe nach dem Krieg ein neues Nazi-Deutschland errichten wollen.
Den Versuch, Brekers Werk kunstgeschichtlich einzuordnen, unternimmt Trimborn erst gar nicht. Die Gehirnwäsche der Nazis, die Breker ab seinem 40. Geburtstag 1940 ideologisch vereinnahmt haben, wirkte sich - freilich unter umgekehrten Vorzeichen - bruchlos auf bundesdeutsche Kunsthistoriker aus, die Breker als "Nazi-Kitsch" abtaten und sich mit diesem Vorurteil den Nazi-Ideologen anschlossen, die Breker als Nazi-Künstler gefeiert hatten. Eine rühmliche Ausnahme im Dritten Reich bildete die weitgehend politisch unabhängige "Frankfurter Zeitung", die Brekers künstlerische Eigenständigkeit trotz aller Nazi-Propaganda erkannte. Das nun kann man von Trimborn nicht behaupten, der geradezu ängstlich stramm auf Linie liegt und sich damit - unwissentlich - der Ideologisierung von Brekers Werk durch die Nazis unterwirft.
Im Unterschied zu Trimborn fanden erstaunlich viele Bildhauer, Maler und Dichter zu einem eigenen - differenzierten und positiven - Urteil über Breker, unter ihnen Max Liebermann, Alfred Flechtheim, Gerhart Hauptmann, Salvador Dali, Ernst Fuchs, Alfred Hrdlicka, Maillol, Despiau, Calder, Cocteau, Ezra Pound, Günter Grass und Peter Ludwig. Und, mit Verlaub, deren Urteil erscheint mir denn doch gewichtiger als dasjenige Trimborns, für den Breker als Künstler überhaupt nicht in Betracht kommt. Ein Ergebnis der Schweriner Breker-Ausstellung 2006 war, dass 95 % der 35000 Besucher von Brekers Werken beeindruckt waren - das kann man im Gästebuch nachlesen. Darüber hinaus setzt sich immer mehr die Einsicht durch, dass es problematisch ist, von Nazi-Kunst zu sprechen. Das belegen unter anderem neueste Forschungsergebnisse des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München (siehe "Süddeutsche Zeitung" vom 24. 10. 2011), das zu dem Ergebnis kam: "Die Vorstellung von einem einheitlichen Kanon an NS-Kunst ist nur eine Behauptung, die nicht eingelöst wird."
Mit seiner Strategie, Brekers kunsthistorische Bedeutung durch die Auflistung seines opportunistischen Verhaltens und seiner moralischen Fehler zu negieren - ein uns aus Trimborns Riefenstahl-Biografie vertrautes Verfahren - will Trimborn die Auseinandersetzung mit Brekers Werk unterbinden: Vermeintliche Aufklärung wird mit dem Ziel der Entmündigung betrieben. Deshalb findet sich in Trimborns "Biografie" auch kein einziges Abbild eines plastischen Porträts von Breker, reichte eines doch aus (z. B. das Maillols, Cocteaus oder Ezra Pounds), um Trimborns Strategie zu erschüttern und bei Lesern Zweifel an seiner Bewertung Brekers aufkommen zu lassen. Trimborns Urteil über Breker spiegelt nicht nur die Ideologisierung Brekers durch die Nazis wider, es ist auch auf dem Hintergrund neuester Forschungsergebnisse überholt.
Trimborn, der über so bedeutende kulturelle Persönlichkeiten wie Rudi Carell "Biografien" verfasste, erweist sich einmal mehr als Trittbrettfahrer. Denn es ist nur zu offensichtlich, dass die international Aufsehen erregende Breker-Ausstellung im Jahr 2006 Trimborn auf den Gedanken einer Biografie brachte, konnte er doch auf einen satten finanziellen Gewinn spekulieren.
Dr. Rainer Hackel