"In Deutschland muss niemand verhungern." -
"Nach dem Krieg, ja da hatten wir Armut." -
"Wer arm ist, ist selbst schuld." -
"Im Vergleich zu den Armen in der Dritten Welt geht es den Armen bei uns doch gut."
So oder so ähnlich lauten die einfachen und stereotypen Antworten, wenn es um Armut in Deutschland geht, denn damit ist das Thema erledigt. Basta! Ist das Problem aber tatsächlich damit verschwunden?
Sogenannte Wirtschaftsexperten vom Typ Hans-Werner Sinn argumentieren bei der Verharmlosung und Verdrängung des Problems schon etwas geschickter: In Deutschland gäbe es keine Armut, denn in Deutschland gibt es Hartz IV, Sozialhilfe und Grundsicherung im Alter. Mit anderen Worten: Armut ist in Deutschland per Gesetz verboten. Das ist so, als ob jemand sagen würde: In Deutschland gibt es keine Kriminalität, denn Mord, Diebstahl, Betrug, Steuerhinterziehung usw. sind (auch) per Gesetz verboten. Was aber auf den ersten Blick durchaus logisch erscheint, ist nichts anderes als Rabulistik, Scheinlogik.
Entweder weiß der Wirtschaftsexperte Hans-Werner Sinn nicht, dass der Gesetzgeber beim Hartz IV-Regelsatz zum Beispiel 15,46 Euro (in Worten: fünfzehn Euro und sechsundvierzig Cent, Stand: 2009) pro Monat für fremde Verkehrsdienstleistungen (gemeint sind damit alle Fahrten und "Reisen" mit Bus, Bahn, Taxi usw.) und den Neukauf einschließlich der Reparatur/Ersatzteilbeschaffung von Fahrrädern angesetzt hat oder der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung (ifo) und Mitglied des Aufsichtsrates der Hypovereinsbank will überhaupt nicht wissen, wie weit man im Monat mit 15,46 Euro "reisen" kann?
In "Wohlstand für alle" schrieb der Nationalökonom und Wirtschaftspolitiker Ludwig Erhard, den viele als einen der Gründerväter der sozialen Marktwirtschaft bezeichnen, und der bislang noch nicht verdächtigt worden ist, ein Kommunist, Sozialist, Linker oder ein Gegner von Freiheit gewesen zu sein, bereits 1957: "Kein Einwand wird mich davon abbringen, daran zu glauben, daß die Armut das sicherste Mittel ist, um den Menschen in den kleinen materiellen Sorgen des Alltags verkümmern zu lassen. Vielleicht mögen Genies sich über solche Drangsale erheben; im allgemeinen aber werden die Menschen durch materielle Kümmernisse immer unfreier und bleiben gerade dadurch materiellem Sinnen und Trachten verhaftet."
Statt "Wohlstand für alle" zu fordern wird jedoch rund 50 Jahre nach der Erstveröffentlichung des Buches von Ludwig Erhard intensiv über Leistungsmissbrauch im Wohlfahrtsstaat und eine Unterschicht (Prekariat) diskutiert, die ihre soziale Misere selbst verschuldet hat, indem sie jegliche Bildungs- und Arbeitsbereitschaft vermissen lässt. Vorurteile wie das des "faulen Arbeitslosen", der den ganzen Tag gemütlich in der sozialen Hängematte schaukelt, verdecken das Scheitern aller bisherigen Bemühungen, unterprivilegierte Bürger in die Gesellschaft zu integrieren.
Ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des 2 .Weltkrieges fordern stattdessen allen Ernstes Politiker wie Thilo Sarazzin, die sich selbst als sozialdemokratisch bezeichnen, unter Hinweis auf die Trümmerlandschaft der Nachkriegszeit, dass sich "die Menschen in Deutschland überlegen, ob sie mit dickem Pullover nicht auch bei 15 oder 16 Grad Zimmertemperatur vernünftig leben können," wenn sie in diesem Land, in dem der reichste Bürger über ein Vermögen verfügt, das dem Gegenwert von 30.000 bis 35.000 Einfamilienhäusern zum Preis von einer halben Million entspricht, kein Geld für die Heizkosten haben.
Armut in einem reichen Land bedeutet nicht nur Mangelversorgung mit materiellen Gütern und Dienstleistungen. Armut in einem reichen Land bedeutet nämlich mehr als ein Dach über dem Kopf und 351 Euro im Monat zum Leben. Armut in einem reichen Land bedeutet Ausgrenzung vom Normalen, Stigmatisierung, Diskriminierung, soziale Isolierung und persönliche Resignation. Armut in einem reichen Land bedeutet Stress, eine verkürzte Lebenserwartung, bedeutet Unfreiheit in einem Land, das ansonsten ständig und überall mit der Fahne der Freiheit wedelt.
Immer wieder kritisiert der Autor daher die unterschiedlichen Strategien, Armut zu individualisieren, statt sie als ein gesellschaftliches und volkswirtschaftliches Problem zu begreifen. Demgemäß fordert er auch eine integrierte Armutsbekämpfung und keine Bekämpfung der Armen: Notwendig wäre eine in sich konsistente, aber auch konstruktiv miteinander verzahnte Arbeits- und Beschäftigungs-, Gesundheits-, Wohnungsbau-, Stadtentwicklungs-, Familien- und Sozialpolitik.
Die Lektüre des Buches von Christoph Butterwegge lohnt sich zweifelsohne für jeden, der sich für eines der größten gesellschaftlichen Probleme, wenn nicht das größte soziale Problem, und seine Entwicklungen im Deutschland der Nachkriegszeit interessiert. Ein Problem, das schon einmal eine freiheitliche deutsche Demokratie, die Weimarer Republik, zu Fall gebracht hat. Dann nämlich, wenn sich Armut nicht mehr nur auf sogenannte Randgruppen wie Obdachlose, Drogenabhängige, HIV-Infizierte, psychisch Kranke, Straßenkinder und bildungsferne Schichten beschränkt und jemand nicht zu den Reichen und Superreichen in dieser Gesellschaft gehört. Denn die Armut frisst sich immer weiter in die Mitte der Gesellschaft hinein. Wer die Geschichte kennt, hat berechtigte Zweifel daran, ob die Methoden der Verharmlosung und Verdrängung auch dann noch funktionieren.