Brauns erster Roman, DELHI, ein genialer Jugendstreich und ein geniales Verwirr- und Rätselspiel zugleich, quoll geradezu über von "Funkelfinten" (dieser schöne Ausdruck stammt von Jan Schulz-Ojala, DER TAGESSPIEGEL). Aber der durch ein Labyrinth sublimer bis exorbitanter Unwahrscheinlichkeiten gehetzte Leser konnte sich am Ende, nachdem er sich den Schweiß von der Stirn gewischt und in der Geborgenheit des Sessel wiedergefunden hatte, mit nüchtern-ernüchternden Überlegungen aus den filigranen Verstrickungen lösen, in die ihn die Lektüre gebracht hatte: Halte dich an Grundsätze, niemals zu viel Alkohol oder Drogen, meide den Kontakt zu dubiosen Gesellschaften und gib der Neugierde auf verführerischen Schmuddelecken niemals nach.
In "ARMOR" geht Braun neue Wege. Richtig, Braun schreibt, was einem so passieren kann im richtigen Leben, und das geht uns viel mehr an als alle Funkelfinten, die in einem Labyrinth aufblitzen, das vielleicht nur in narkotischem Dunst Bestand hat. Was aber könnte unser besonderes Interesse auf eine scheinbar so simple Geschichte wie die von Fabien und Kate lenken, die, jung und ein wenig verliebt, mit einem klapprigen Wagen für ein paar Tage aus Paris ans Meer flüchten wollen? Wenn dann als Folge eines Unfalls zwei ungleiche Paare aufeinandertreffen und sich daraus einige Verwicklungen ergeben, wären nur alle Voraussetzungen für die altbekannten Histörchen geschaffen, die Liebe und Leben so mit sich bringen und gegen die selbst ein Bundesminister für Verbraucherschutz nicht gefeit ist. Aber schon nach wenigen Seiten Lektüre müssen wir uns eingestehen, daß wir nichts oder fast nichts von den Ereignissen verstanden haben, mit denen wir uns schon so vertraut glaubten oder die zu verstehen wir uns vorgenommen hatten.
Braun weiß - wie sein viriler Romanheld, der reiche Schwerenöter Jacques - um die Wirkung dekorativer Accessoires des Entsetzens und Grauens, ohne die die ganz großen, die glühende Leidenschaften wohl nicht aufkommen wollen (die uns aber insgeheim weit mehr interessieren als die kleinen Lüstchen für den Tag und für die Nacht). Braun setzt Farbtupfer nach Farbtupfer auf das unscheinbares Bild, das man schon vollkommen zu kennen meinte, und die sympathisch-niedlichen, sattsam bekannten Lebenswirklichkeiten, die sich dort niedergelassen hatten, verfliegen bald wie Nebelschwaden, die den Blick auf eine dunkle Welt von Chaos und Gewalt verdeckt hatten. Das rettende Quartier, in das Isabelle die Gestrandeten führt, erweist sich als unheimliches, zerbröselndes Denkmal bauherrlicher Gigantomanie, das in Fabien Fluchtinstinkte weckt, weil er mit wachsendem, nur mühsam überspieltem Entsetzen spürt, daß an diesem Ort seine Zärtlichkeiten "seine" Kate nicht mehr erreichen und zu ängstlich-hilflosen Gesten verdorren. Ein friedlich schlummernder Igel entpuppt sich bei näherem Hinsehen als fliegenumschwirrter Kadaver, Hausherr Jacques zerlegt vor den Augen der kleinen Kate einen Octopus wie ein Opfertier, mit chirurgischer Akribie, unter Einsatz von Fleischerhandschuh und Schlachtmesser...Der Automechaniker, ein stummer Troglodyt aus Legionärszeiten, führt die Instandsetzung des Autowracks mit der albtraumhafter Langsamkeit aus, die nötig ist, um Kate und Fabien an diesem albtraumhaften Ort zu halten...
Plötzlich ertappt sich der Leser dabei, daß ihn die scheinbar wohlbekannten Spuren, die Braun mit der eiskalten Berechnung eines erfahrenen Fallenstellers gelegt hat, in Regionen gelockt haben, die faszinieren, obwohl dort mit unbarmherziger Folgerichtigkeit, Schlag auf Schlag, alle blauen Sonntagsträume von Selbstbestimmung, Vernunft, Vertrauen, Maß und Integrität zerstört werden. Aber auch dem Voyeur gönnt Braun kein ungeteiltes Vergnügen, denn ihn, wie jeden anderen Leser auch, überkommt das unheimliche Gefühl: finistère, finis terrae, ist überall, wohnt in den Köpfen der Menschen. Das macht gestandenen Männern Angst, und Alpha-Mädchen Neugierde. Haben wir auf so ein Buch nicht gewartet?