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Buchnotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.04.2002
Als "spannendes, kluges und verblüffend zeitgemäßes Buch" feiert Rezensentin Sabine Berking Andrej Bitows 1967 zum fünfzigsten Jahrestag der Oktoberrevolution als Auftragswerk entstandenes Armenienbuch. Dessen Entstehung "unter dem üblichen Druck von Zensur und Selbstzensur" hat der Rezensentin zufolge keine negativen Auswirkungen auf das Buch. Im Gegenteil, im Reisegepäck den damals "noch lange nicht rehabilitierten" Dichter Ossip Mandelstam, gelinge es Bitow, "tief in die zweitausendjährige Geschichte dieses Buchvolkes einzutauchen", das schon im fünften Jahrhundert, als Mittel- und Westeuropa noch "im historischen Embryonalzustand" schlummerten, schon alles gehabt habe, was die europäischen Nationen später ausmachen sollte: "Mythen, Sprache, Schrift, Glauben, Kathedralen". Besonders den an Armenien entwickelten Kulturbegriff, in dem Kultur von Ideologie und Klasse getrennt, als Basis jeder Kultur die "Achtung der Andersdenkenden" postuliert werde, findet die Rezensentin für die Sowjetunion des Jahres 1967 "geradezu ungeheuerlich". Der "unkonventionelle Reiseessay" habe schon bei seiner Erstveröffentlichung Aufsehen erregt. Bereinigt von allen Blessuren der sowjetischen Zensur, fortgeschrieben bis in unsere Tage und mit nachträglichen Anmerkungen des Autors versehen, erscheine das Werk nun in stilsicherer Neuübersetzung von Rosemarie Tietze.
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Kurzbeschreibung
Die Sehnsucht der Russen galt seit jeher Armenien, ihrem Süden, ihrem Italien. Für Bitow wie schon für Mandelstam ist es ein Land, das gelesen werden will. Hier hat die Geschichte "keinen Anfang - sie ist immer schon dagewesen. Kein Dorf, das nicht in grauer Vorzeit einmal Hauptstadt eines alten Staates gewesen wäre, kein Hügel, unweit dessen sich nicht eine Entscheidungsschlacht abgespielt hätte, kein Stein, über den nicht Blut geströmt wäre, und kein Mensch, den das gleichgültig ließe."
Was Armenien mich lehrt - so könnten Bitows Reisebilder überschrieben sein. Staunend steht er vor den kraftvollen, unentzifferbaren Buchstaben, lauscht der unverständlichen Sprache, die in ihrem "espressivo" der eigenen unendlich überlegen scheint. Die Landschaft mit ihren heftigen Farben und scharfen Konturen, das Licht, tastbar wie Wasser, Wind und Gras, die in Felsmassive gehauenen, über tausend Jahre alten Höhlenkirchen, die tempelartigen Bibliotheken - was er sieht, stößt ihn auf elementare Fra gen.
Seit seiner ersten Reise 1967 hat Bitow Armenien immer wieder besucht. Der erstmals 1972 zensiert publizierte Text erscheint hier in seiner ursprünglichen Gestalt, vom Autor kommentiert und fortgeschrieben bis in die Gegenwart des Jahres 2001. Die Armenischen Lektionen, in der Neuübersetzung von Rosemarie Tietze, sind eines der lebendigsten und anschaulichsten Bücher über die Landschaften und Bewohner, die Sprache und Kultur Armeniens - und eines der schönsten Bücher von Andrej Bitow.