..
Ein Briefroman aus dem Jahre 1846 machte Dostojewski (1821 -1881) mit einem Mal berühmt. Dieser Roman wurde hymnisch gefeiert, ihm, dem Sohn eines Armenarztes ist vielleicht etwas gelungen, was ihn aus seiner engen Situation vermeintlich befreite. Und doch gilt auf die Frage: Wie soll ich den leben? ,dass Dostojewski schon vor der Frage mit der Antwort geboren wurde. Sein Wort der Worte war die Liebe, die Liebe zu allen Menschen. Und hier in diesem Briefroman zeigt er erstmalig seine hohe, psychologisch geschulte Beobachtung von Menschen und deren intimste Regungen. Sein Ringen, unabhängig jedweder Herkunft, um die ureigensten menschlichen Bedürfnisse, durchzieht sein Werk von Arme Leute bis zu den Brüdern Karamasoff.
Zwei Menschen, Makar und seine Warwarna, schreiben sich, obwohl sie nahezu vis a vis wohnen. Sie schreiben sich und lernen sich in diesen Begegnungen trotz anfänglich distanzierter Anrede kennen, sie schreiben, wie sie leben, welche Menschen neben ihnen wohnen und sie schreiben, was sie am Fenster des jeweils anderen beobachten. Sie schreiben von den ersten Vorstellungen, von dem Bedürfnis nach Nähe, die aber nicht real wird, weil er der Einladung der Frau nicht Folge leisten kann, da er das Gerede der Nachbarn fürchtet, nicht für sich, sondern für sie. Er schreibt immer in einer im hohen Masse rücksichtsvollen Art, falsch verstandene Aussagen, die ironisch ihrerseits hinterfragt werden, kann er nur mit allerliebsten Worten erklären, weil ihm an dieser Beziehung, genau in dieser Art etwas liegt weil es für ihn Alles ist. " ... ging ich zum Dienst so stolz, es war so ein Leuchten in meinem Herzen, es war so wie ein Feiertag der Seele." Und dieses Etwas ist das Einzige und doch auch Alles, was er spürt an Nähe zu anderen Menschen. Sie schreibt von ihrer Familie, sie gibt ihm ihre Kindheitserinnerungen als Tagebuch, er berichtet von Büchern und seiner Meinung, was sie gern lies. "Sie wollen wohl nur Poesie haben, die von Liebe und Sehnsucht handelt, - deshalb werde ich Ihnen auch Gedichte verschaffen, alles, alles, was Sie nur haben wollen." Die Briefanreden werden persönlicher, von sehr geehrte Herr / Frau zu mein Täubchen, mein Lieber. An dem Sie halten beide fest. Der Briefwechsel begann am 8.April.
Als er bemerkt, dass seine Briefliebschaft durch Dritte gestört wird, einem reichen Landbesitzer, versucht er sie von der Abreise nach vereinbarter Hochzeit der beiden, mit einem Schwall von Gefühlen zu hindern. Sie schreibt am 30. September: "Nun ist es geschehen! Mein Los hat sich entschieden. Ich weiß nicht, was die Zukunft bringen wird, aber ich füge mich dem Willen des Herrn. Morgen reisen wir. [... Meine Seele ist so voll, so voller Tränen. Vergessen Sie nicht Ihre arme Warinka." Er: "Sagen Sie ihm einfach, dass Sie hierbleiben, dass Sie nicht mit ihm fahren können! [...] Wodurch ist er Ihnen plötzlich so lieb und so viel wert geworden? Er hat Ihnen bestimmt nur Fabeln gekauft. Hier aber sitzt ein Menschenleben. [...] Soll dies denn wirklich der letzte Brief sein? Nein, Sie müssen mir schreiben, ich werde Ihnen schreiben. Fängt doch gerade mein Stil an, besser zu werden, nein, was ich schreibe, ich weiß nichts, gar nichts weiß ich, ich schreibe und schreibe und werde auch nichts mehr durchlesen nur schreiben ... nur schreiben, es gibt immer noch mehr zu schreiben .... Mein Täubchen, Mein Liebling, mein Kind." Sein letzter Brief ist ein einziges Zeugnis eines in eine schriftliche Freundschaft und Liebschaft übertragenes Leben. Ihm scheint nichts zu bleiben. Nichts.
Dostojewski ist in seinem Erstling alles gelungen, die Empathie zwischen Menschen, ihre Nähe, ihren Wunsch, sich aneinander zu halten, sich beizustehen, diese Liebe als Freiheit zu begreifen. Er beschreibt selbst aus der Sicht eines Armen, er lebt auch selbst in einer Illusion und dieses Zusammenspiel von eigener Realität und geschriebene Fiktion macht diesen Briefwechsel zu einem Erlebnis für den Leser. Nichts wird ihm entgehen, entstehen wird der Eindruck einer Langsamkeit in der Entstehung von Beziehungen, die es heute nicht mehr gibt. Und dieses wohlwollende Reifen von Wollen zum anderen ist das Terrain von Dostojewski, daher sei "Weiße Nächte" und "Die Sanfte" als jeweils kurze Erzählung ebenso empfohlen.
Diese Welt des Außen, in Briefen verfasst, die zum Nachlesen, immer wieder neu lesen permanenten Unterschlupf gewährt, soll abhalten von dem Leiden des aktuellen Daseins beider Personen. Dostojewski sieht die Menschen nicht als soziale arme Wesen, sondern ob sie seelisch reich sind, nicht, ob sie sozial erniedrigt sind, sondern seelisch Höherstehende. Im Sinne von Sitte und Ethik fragt er niemals nach Schuld, sondern nur danach, ob sie unglücklich sind. Schuld bedarf einer äußeren Verzeihung, für Dostojewski tragen die Menschen die Verzeihung bereits in sich. Damit gibt es gegenüber dem Menschen nur einen Standpunkt, es ist nicht Schuld oder Unschuld, nicht Moral oder Unmoral, für ihn gilt nur das Leiden. Nach dem Gehalt des Leidens können sie für ihn beurteilt werden, nach dem Leiden, dass sie durchmachen mussten, um zu werden, der sie sind.