Aus der Amazon.de-Redaktion
Die Geschichte beginnt in der Zeit nach Memnoch der Teufel. Vampire aus der ganzen Welt haben sich um Lestat geschart, der auf dem Boden einer Kathedrale niedergestreckt liegt. Tot? Im Koma? Während Armand über Lestats Zustand sinniert, wird er von David Talbot angehalten, seine eigene Lebensgeschichte zu erzählen.
Schnitt: Die Geschichte wechselt abrupt nach Kiew ins 15. Jahrhundert, und Armand erzählt, sofern seine lückenhaften Erinnerungen es zulassen, die Geschichte seiner Entführung als Kind aus Kiew. Später wurde er dann an den venezianischen Künstler und Vampir Marius verkauft. Rice schwelgt geradezu in ihrer Beschreibung der sinnlichen Beziehung zwischen dem jungen und noch menschlichen Armand und seinem unsterblichen Mentor. Als sich Armand jedoch in einen Vampir verwandelt, ändert sich die Atmosphäre in der Geschichte dramatisch. Ungezügelte Sexszenen werden abgelöst von Armands Suche nach innerer Harmonie zwischen seiner russisch-orthodoxen Kindheit, seinem hedonistischen Leben mit Marius und seiner neuen Unsterblichkeit. Diese letzten Kapitel erinnern den Leser an die archetypische Bedeutung von Rices Vampiren: Armand, Lestat und Marius vermögen einen tiefen Einblick in nur allzu menschliche Gedanken und Bedürfnisse zu vermitteln.p Die verschiedenen Erzählstränge in Der Vampir Armand sind hervorragend miteinander verwoben -- Leser werden die Nacherzählungen von bedeutenden Ereignissen aus Lestats und Louis' Berichten genießen. Nichtsdestotrotz erzählt der Roman hauptsächlich Armands eigene tragische Geschichte. Rice sorgt für die notwendigen Hintergrundgeschichten für Leser, die neu zu ihrer epischen Vampir-Chronik stoßen. Die Einführung neuer Charaktere sorgt dabei für frischen Wind (oder sollte man besser sagen: für frisches Blut?) und legt den Grundstein für potenzielle Fortsetzungen. --Patrick O'Kelley -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Armand der Vampir. von Anne Rice. Copyright © 2001. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Sie sagen, dort oben in der Mansarde sei ein Kind gestorben. Man hat seine Kleider hinter dem Mauerwerk gefunden.
Ich hatte den Wunsch hinaufzugehen, mich dicht an der Wand niederzulegen und allein zu sein.
Sie hatten hin und wieder seinen Geist gesehen den des Kindes. Aber eigentlich konnte keiner dieser Vampire Geister sehen, zumindest nicht so, wie es mir gegeben war. Doch gleichgültig. Ich wünschte nicht die Gesellschaft dieses Kindes. Ich wünschte mich an jene Stelle.
Es war nutzlos, sich noch länger in Lestats Nähe aufzuhalten. Ich war hergekommen. Ich hatte mein Vorhaben durchgeführt. Ich konnte ihm nicht helfen.
Der Anblick seiner unverwandt auf einen Punkt gerichteten Augen zermürbte mich, und im Innern war ich ruhig und ganz von Liebe erfüllt zu denen, die mir jetzt die Nächsten waren meine menschlichen Kinder, mein dunkelhaariger kleiner Benji und meine sanfte, geschmeidige Sybelle , aber ich hatte noch nicht genug Kraft gesammelt, um sie von hier fortzubringen.
Ich verließ die Kapelle.
Ich achtete nicht einmal darauf, wer gerade dort war. Der gesamte ehemalige Konvent wimmelte zurzeit von Vampiren. Nicht, dass es hier zu lebhaft zugegangen wäre oder pietätlos nur hatte ich keinen Blick dafür übrig, wer noch in der Kapelle war, als ich ging.
Lestat lag, wie schon seit langem, ausgestreckt auf den Marmorplatten der Kapelle, direkt vor dem großen Kruzifix. Er lag auf der Seite, mit schlaffen Händen, die rechte oberhalb der linken, und seine Finger berührten leicht den Boden, wie gewollt. Doch es gab für ihn keinerlei Wollen. Die Finger seiner rechten Hand waren leicht gekrümmt, und die kleine Höhle, die sie bildeten, lag bedeutungsvoll unmittelbar über einem Lichtfleckchen, nur, dass auch dies keine Bedeutung hatte. Hier lag nur der mit übernatürlichen Kräften begabte Körper, willenlos und unbelebt, genauso sinnentleert wie sein Gesicht, das einen beinahe trotzigen Ausdruck von Intelligenz zeigte, wenn man in Betracht zog, dass Lestat sich seit Monaten nicht gerührt hatte.
Pflichtschuldigst wurden die hohen Buntglasfenster vor Sonnenaufgang für ihn verhängt. Nachts leuchteten sie in dem wundersamen Licht der vielen Kerzen, die zwischen den Standbildern und religiösen Abbildungen dieses ehemals heiligen Ortes verstreut standen. Unter dem hohen Gewölbe hatten einst sterbliche Kinder die Messe gehört. Ein Priester hatte am Altar die lateinischen Worte intoniert.
Nun gehörte es uns. Es gehörte ihm Lestat, dem, der dort bewegungslos auf dem Marmorboden lag.
Mann. Vampir. Unsterblicher. Kind der Finsternis. Jedes dieser Worte passte ausgezeichnet auf ihn.
Als ich ihn jetzt mit einem Blick über die Schulter betrachtete, fühlte ich mich wie nie zuvor als ein Kind, als Jüngling.
Denn das bin ich. Die Definition des Wortes Jüngling passt so perfekt auf mich, als sei sie in mir gespeichert und als habe es für mich nie ein anderes genetisches Muster gegeben.
Ich war etwa siebzehn, als Marius mich zu einem Vampir machte. Ich war ausgewachsen, denn seit einem Jahr betrug meine Größe unverändert 1,65 Meter. Meine Hände sind zierlich wie die einer jungen Frau, und ich war bartlos, wie wir es in jenen Zeiten, im 16. Jahrhundert, nannten. Kein Eunuch, nein, ganz bestimmt nicht, aber ein Jüngling noch.
Damals hatte ein junger Mann so hübsch zu sein wie ein Mädchen, das verlangte die Mode. Erst in der heutigen Zeit scheint mir das wirklich erstrebenswert, und auch nur, weil ich liebe sie, die zu mir gehören: Sybelle mit ihren weiblich vollen Brüsten und den schlaksigmädchenhaften Gliedern und Benji mit seinem runden, ausdrucksvollen arabischen Gesicht.
Ich blieb unten an der Treppe stehen. Keine Spiegel hier, nur die hohen, vom Putz befreiten Ziegelmauern, Mauern, die nur nach amerikanischen Maßstäben alt sind, und nachgedunkelt von der Feuchtigkeit, die selbst innerhalb der Mauern des Klosters herrschte, denn die schwülwarmen Sommer und klammfeuchten Winter von New Orleans zermürben die Oberfläche jedes Materials. Ich sage immer "grüner Winter" dazu, denn die Bäume hier verlieren fast nie ihr Laub. Verglichen damit, herrschte in dem Land, in dem ich geboren wurde, fast immer Winter. Kein Wunder, dass ich in dem sonnigen Italien meinen Ursprung vollkommen vergaß und das Leben mit Marius mein Dasein ausmachte. "Ich kann mich nicht erinnern." Das war mein Zustand, und so verschrieb ich mich gern den verschiedensten Lastern, dem Wein und den üppigen Speisen Italiens ebenso wie dem Gefühl des warmen Marmors unter meinen Füßen, weil Marius schamlos sündhaftriesige Feuer in allen Zimmern des Palazzo brennen ließ. Seine sterblichen Freunde das waren damals Menschen wie auch ich schalten ihn unaufhörlich wegen seiner hohen Ausgaben: so viel Geld für Feuerholz und Öl und Kerzen. Und für Marius kamen natürlich nur die feinsten Kerzen aus Bienenwachs in Frage. Jeder Duft hatte für ihn eine Bedeutung.
Schluss mit diesen Gedanken! Erinnerungen können dich nicht mehr verletzen. Du kamst zu einem bestimmten Zwecke her, und du hast ihn erfüllt, und nun musst du zu denen gehen, die du liebst, zu deinen jungen Sterblichen, Benji und Sybelle, und du musst durchhalten.
Das Leben war nicht länger eine Theaterbühne, auf der sich Banquos Geist immer und immer wieder an der grausigen Tafel einfand.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.