Mit der „Arisierung" von jüdischen Unternehmen in der Zeit des Nationalsozialismus vollzog sich einer der größten Besitzwechsel in der neueren deutschen Geschichte. Wer waren die Entscheidungsträger in der Frage der wirtschaftlichen Ausschaltung der Juden? Welche Haltung nahm die Bevölkerung ein, und was bedeuteten die Enteignungen für die jüdischen Bürger? Diesen Fragen geht Frank Bajohr nach. Es bedarf, so Bajohr, im Hinblick auf die Untersuchung der 'Entjudung' der Wirtschaft einer Konkretisierung der bisherigen Forschungsergebnisse, die nur eine regionale Fallstudie leisten kann, da sich in diesem Bereich die Entwicklung auf Lokal- und Regionalebene den reichsweiten Anordnungen oft vorausging. Dies weist der Autor am Beispiel Hamburgs anhand umfangreichen Quellenmaterials überzeugend und detaillgenau nach. Bajohr vergleicht etwa die Situation in Hamburg mit derjenigen in München, wo die systematische Erfassung jüdischer Betriebe 1934 begann; in Hamburg war dies dagegen erst ab etwa 1936/37 der Fall. Hamburg setzte insgesamt zwar reichsweite Aktionen konsequent um, die reichsweite Judenpolitk wurde aber nicht durch eigene Initiativen verschärft. Für die Anfangsjahre des NS-Regimes konstatiert Bajohr einen „Antisemitismus von unten". Der gewerbliche Mittelstand zielte durch zahlreiche „Einzelinitiativen gegen jüdische Unternehmen" auf die wirtschaftliche Existenzvernichtung der Juden. Einen „Radikalisierungsfaktor" sieht Bajohr in der Pogromnacht vom 9./10. November 1938, nach der es zu Maßnahmen kam, die „die ökonomischen Existenzgrundlagen der Juden binnen weniger Monate vernichteten". Durch die öffentliche Versteigerung des jüdischen Besitzes wurde in den Kriegsjahren potentiell die gesamte Hamburger Bevölkerung zu Nutznießern dieser Politik. Von Februar 1941 bis April 1945 wurde fast täglich in Hamburg jüdisches Eigentum versteigert. Dadurch machte sich die Nationalsozialisten große Teile der Bevölkerung zu Komplizen seiner antijüdischen Politk. Der Autor schließt mit der: Feststellung: „Insgesamt kennzeichnete die materielle Nutznießerschaft die Erosion moralisch-ethischer Standarts in der deutschen Bevölkerung und das Ausmaß der moralischen Indifferenz, mit der die Deutschen der Vernichtung der Juden begegneten." (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)