Die Schwächen dieser Aufnahme springen ins Ohr und sind offenkundig: Die Aufnahmequalität ist prekär; das Orchester spart nicht an Intonationsfehlern und Ausrutschern (besonders bei den Blechbläsern); insgesamt ist das Klangbild völlig schwankend und unausgewogen und bringt einem Hörer, der das Stück nicht kennt, eines seiner größten Geheimnisse (Klangzauberei mit nur knapp 40 Musikern), überhaupt nicht näher. Viele Rollen (z. B. Zerbinetta, Komponist) sind ordentlich besetzt, man kann sie aber in anderen Aufnahmen weitaus profilierter und facettenreicher hören; das Nymphenterzett klingt schrill und weitweg statt einlullend (mehr dem Klangbild als den Sängerinnen geschuldet, vermutlich)... usw. usf.
Trotzdem möchte ich dieser Aufnahme unter allen mir von der "Ariadne" bekannten einen Sonderplatz einräumen. Denn: noch nie habe ich dieses Stück auf Platte so gehört als das, was es neben aller Vorspiel-Ironie und Stil-Spielerei AUCH ist: ein existenzielles Drama um ein sehr junges Mädchen, das wirklich kurz vor dem Sterben aus gebrochenem Herzen steht und nur noch die Chance auf eine wirkliche (und das heißt auch: schmerzhafte, gewaltsame) "Verwandlung" hat, auf ein wirklich NEUES Leben. Dass dies hier - im Gegensatz wie gesagt zu allen anderen mir bekannten, teilweise viel brillanteren oder schöneren Aufnahmen - so unmittelbar zu hören ist, dankt sich in erster Linie der Leistung von Lisa della Casa, deren notorisch "kühle" Stimme hier im Dienst genannter Mädchen-Rolle an Schmerzgrenzen rührt welche die Kategorie musikalischen Genusses weit hinter sich lassen. Schon ihr erstes (übrigens auch nicht 100%ig sauber intoniertes) "Ach!" ist viel mehr wirklicher Schmerzensschrei als Gesang (und natürlich trotzdem GESANG!), das "und lebe wieder" fast widerwärtig in seinem hingerotzten Lebensekel... und dann geht es fort, durch die beiden Arien (deren leuchtende Höhen der della Casa natürlich bestens liegen) bis hin zum großen Finale - eine oft beklemmende, das Häßliche streifende, durch und durch aber existenzielle Interpretation der Rolle (und nicht nur der PArtitur), wie ich sie wie gesagt noch nirgendwo anders auf Platte so gehört habe. Gundula Janowitz' Ariadne ist, was den Schöngesang betrifft, allererste Wahl - aber della Casa gibt etwas anderes, was wahre Fans des Stückes nicht missen sollten...
Rudolf Schock als Bacchus ist noch besser als in der Karajan-Aufnahme; sowohl die Live-Atmosphäre als auch die Partnerin kommen dem Gewicht und der Psychologie seiner Rolle mehr entgegen als die Studio-Bedingungen mit der Schwarzkopf, wo er großenteils einfach nur "gut singt". Ein Übriges tut das - wie bei Opern meist - sehr vitale, dramatische, unsentimentale Dirigat Karl Böhms, der sein Orchester zwar nicht 100%ig im Griff zu haben scheint, dafür aber Bögen über die Szenen spannt die das Ganze zu einem "Krimi" geraten lassen den man einer "Ariadne auf NAxos" konventionellerweise nicht zutraut.
Summa: 4 von 5 Sternen; eine Aufnahme die keinesfalls als einzige dieser Oper, auf jeden Fall (!) aber als Ergänzung zum Immer-wieder-Studieren im Regal stehen sollte.