Die Argumentationslehre ist zurecht ein äußerst wichtiges Gebiet. Doch was sich diese beiden Herren hier manchmal leisten, geht auf keine Kuhhaut drauf. Das beginnt schon damit, dass zwischen den Begriffen Argument, Schlussfolgerung und Argumentationsgang nicht unterschieden wird. Bei den Schlussfolgerungen wird nicht zwischen Induktion und Deduktion, finaler und kausaler Schlussfolgerung unterschieden.
Zwar führen die Autoren eine ganze Menge schicke Neologismen (Wortneuschöpfungen) ein. So wird der Syllogismus von ihnen FullPower-Argument genannt, bzw. auch absolut stichhaltiges Argument. Doch das sind nur rhetorische Tricks, um den naiven Leser einzufangen, oder, wie die beiden schreiben: unfaire Argumentation durch vage Ausdrücke.
Was den Syllogismus angeht, so unterlaufen die beiden Autoren ihre im Prinzip richtige Erklärung mit folgendem Beispiel:
Prämisse A: "Wenn wir es nicht schaffen, dass alle Abteilungen intensiv zusammenarbeiten, werden wir unser Umsatzziel nicht erreichen."
Prämisse B: "Wenn wir unser Umsatzziel nicht erreichen, werden unsere Kapitalgeber uns möglicherweise kein frisches Kapital für unsere Investitionen zur Verfügung stellen."
Konklusion: "Daher: Wenn die Zusammenarbeit nicht wirklich entscheidend verbessert werden kann, dann müssen wir damit rechnen, dass wir kein frisches Kapital bekommen."
Warum diese Schlussfolgerung ein Syllogismus, ein "absolut stichhaltiges Argument" sein soll, will mir vorne und hinten nicht einleuchten. Hier wird aus zwei Hypothesen eine dritte gezogen. Hypothesen sind allerdings nicht absolut stichhaltig, sondern Voraussagen, Tendenzen, Möglichkeiten. Möglichkeit heißt: NICHT stichhaltig. Stichhaltig ist eine Prämisse wie "Alle Menschen sind sterblich.", weil die Sterblichkeit von der Struktur her im Menschen angelegt ist.
Solche Beispiele verwirren nur, oder überzeugen den Leser zu einem falschen Argumentieren, oder - im günstigsten Fall - machen sie dieses Buch für den Leser fragwürdig oder gar wertlos. Und da nicht die klassischen Begriffe wie Induktion und Deduktion genutzt werden, kann der Inhalt dieses Buches nur schwer an anderen Büchern überprüft werden.
Obwohl die Autoren weiter hinten auch vage Begriffe kritisieren, führen sie den Begriff als solchen nicht ein. Bedenkt man aber, dass Argumentationen der Kritik von Begriffen dienen (also ihrer Definition und ihrer Anwendung), dann fehlt hier ein wichtiges Part des Argumentierens ganz.
Ein zweiter wichtiger Punkt, der von dem Autoren auch inhaltlich komplett übergangen wird, ist die Lehre von den topoi, von der "Orten", an denen sich Argumente auffinden lassen. Diese wird in der Predigtlehre und der juristischen Argumentation sehr gepflegt, hat aber auch eine große Relevanz für den Alltag (wo bekomme ich meine Argumente her? wo holt sich mein Gesprächspartner seine Argumente her?). So wird der Leser an dieser Stelle komplett alleine gelassen.
Fazit:
Gäbe es nicht völlig danebengehauene Beispiel (siehe oben), wäre das Buch als Einstieg in die Argumentationslehre garnicht schlecht.
Doch als Einstieg diskrediert es sich schon deshalb, weil es nicht die ordentlichen Begriffe einführt, die man dann in anderen Büchern wiederfinden könnte. Es ermöglicht nicht das einfache Weiterarbeiten oder die Vertiefung in diesem Gebiet.
Für den in der Argumentationslehre Erfahrenen bietet es einige nette Umschreibungen und führt mal gut, mal schlecht vor, wie Schlussfolgerungen aussehen können, bietet also Material, um sich daran zu reiben.
Deshalb: Im Prinzip Finger weg. Es sei denn, Sie haben einen triftigen Grund, sich mit einem wenig ausgegorenen Buch zu diesem Thema zu befassen.