Cass Seltzer, Religionspsychologe und "Atheist mit Seele" schreibt ein Buch, das zu einem Bestseller wird und er ist mächtig erstaunt darüber - hat er darin doch eigentlich nur 36 Argumente für die Existenz Gottes widerlegt. Cass glaubt nicht an Gott, doch er glaubt an Wunder. Allen voran an das Wunder der Liebe in Form seiner bezaubernden Freundin Lucina Mandelbaum, die noch weniger an Gott glaubt. Doch was wäre ein Leben ohne Komplikationen? Und so taucht plötzlich Cass' Exfreundin Roz auf - eine vor Leben nur so spühende Frau, stürmisch wie ein Tsunami. Innerhalb einer Woche lässt Cass sein Leben Revue passieren und philosophiert über das Mandelbaum-Gleichgewicht, religiöse Illusionen, die Übel der Welt, ewige Studenten, egozentrische Professoren, Theodizeequatsch, das Judentum und die Liebe.
Erst wusste ich nicht, was ich von diesem Buch halten soll. Der Titel klang nach einem spirituellen Esoterikschinken, der Klappentext eher nach leichter Frauenliteratur. Das Umschlagbild wusste ich gar nicht richtig zu interpretieren. Erst, als ich mich ein bisschen über die Autorin schlau machte, gewann ich eine Vorstellung, was von der Lektüre zu erwarten war. Rebecca Goldstein ist wohl am ehesten das, was man als "Atheistin mit Seele" nennen würde. Als Tochter einer jüdisch-orthodoxen Familie mit einem Rabbi als älteren Bruder, einem Philosophiestudium in der Tasche und inzwischen zahlreich veröffentlichten (Fach)Büchern weiß sie ganz genau, wovon sie schreibt und es wundert mich ein bisschen, dass sie sich einen männlichen Protagonisten erwählt hat. Cass Seltzer berichtet an ihrer Stelle viel über seine jüdische Vergangenheit in "New Valden" - da er dies jedoch mit vielen jüdischen Ausdrücken spickt, wird der Lesefluss öfter gehemmt.
Je mehr ich mich mit dem Buch befasste, umso faszinierter war ich und dank seiner Komplexität ist es ganz sicher ein Kandidat dafür, nochmal gelesen zu werden (es schreit förmlich danach). "36 Argumente für die Existenz Gottes" ließen mir nicht selten den Kopf rauchen und man muss sich für dieses Buch wirklich Zeit nehmen. Viel zu selten werden Goldsteins philosophische und psychologische Abhandlungen aufgelockert durch spritzige Kommentare, die sie elegant in die Dialoge einfließen lässt.
Das Buch war so ein bisschen wie ein guter, trockener Rotwein für mich. Nicht ganz so süffig wie ein lieblicher Wein, aber mit länger anhaltendem Genuss. Man sollte weder zu schnell trinken, noch zu schnell lesen. Doch ich musste sehr oft aufpassen, dass mich Cass mit seinen Gedanken nicht abhängte. Viele Namen, Fachausdrücke und dann die Zeitsprünge durch Cass' Erinnerungen. Oft hat mich das Buch auch gleichermaßen erschlagen wie fasziniert.
Viele Argumente haben mich fasziniert, aber oft empfand ich sie auch als ermüdend und dann - ich muss ehrlich sein - habe ich einige Teile einfach überlesen (zum Beispiel, wenn der egozentrische Professor über jüdische Kartoffeln schwadroniert), weil mein Horizont nicht weit genug reichte und ich auch nicht ständig etwas nachschlagen wollte. Mit dem Judentum und jüdischen Ausdrücken hatte ich bisher nur sehr wenig Berührungspunkte und die Themen interessierten mich nicht genug, um weitere Recherche zu betreiben.
Ein dickes Lob an den Übersetzer Friedrich Mader - ich stelle mir seine Arbeit in dem Fall ungeheuer schwierig vor. Davon abgesehen, dass das Buch oft eher sperrig zu lesen ist, erschien es mir doch sehr flüssig und in sich rund. Trotz allen Lobes: Das Buch hinterlässt einen seltsamen Eindruck bei mir. Es ist anspruchsvoll, sperrig, interessant - aber irgendwie ohne roten Faden. Was will uns die Autorin sagen? Dass sie sich ziemlich gut mit "ihren Themen" auskennt? Ohne Frage, das tut sie. Ich hatte immer mehr den Eindruck, dass sie uns ihre eigene Geschichte erzählt. Sie selbst ist die "Atheistin mit Seele". Aber wirklich viel Handlung gibt es eigentlich nicht im Buch - eher Exkursionen in die Welt der Philosophie - "Sofies Welt" für Fortgeschrittene.
Was bleibt dem Leser am Schluß? Vielleicht ein tröstlicher Gedanke: Ebenso wie die Existenz Gottes nicht bewiesen werden kann, wird man sich vermutlich schwertun, die Existenz der Liebe zu beweisen - und doch gibt es Menschen, die auch noch nach vielen Enttäuschungen an die Liebe glauben.