Zielsetzung:
Der Taschenbuchcharakter wie der relativ geringe Umfang von rund 150 Seiten lassen schon bei dieser äußeren Erscheinung die Vermutung reifen, um vorliegende Publikation könne es sich eher um ein themenreflektierendes Sachbuch handeln als um eine situationsbewältigende dynamische Gesprächs-Anleitung in Gestalt eines Lehr- wie Übungsbuches. Ein Eindruck, den die Lektüre des Vorwortes bestätigt.
Denn der Verfasser will hier die Hintergründe wie Entstehungsbedingungen von Stammtischparolen näher beleuchten, um dann umso berechtigter auf entsprechende Gegenstrategien zu deren Abwehr bis hin zur Überwindung hinweisen zu dürfen. Dieses Anliegen wird begründet mit der Sicherung von Werten einer liberalen Demokratie bzw. einer solidarischen Bürger- wie Zivilgesellschaft, welche permanent verdeckt wie offen gefährdet sind durch eben diese Stammtischparolen bis hin zu radikalsten Ausschreitungen.
Aufbau:
Zu Anfang stellt der Autor klar, daß die buchtitelgebende Stammtischparole nicht nur möbelstückbezogene Gesprächskultur im gesellschaftlich abgrenzbaren Gastronomiebereich kennzeichne, sondern auch als leicht handhabbare Metapher für faktenarmes, unplausibles Geschwätz verwendbar ist. Dieses erweiterte Begriffsverständnis gestattet es auch, Medienverlautbarungen (hier vorrangig im Printbereich) auf wohlformulierte, jedoch substanzlos-manipulierte Äußerungen hin zu untersuchen sowie Befunde aufzuzeigen.
Im weiteren Verlauf des Buches wird diese gegenständliche Betrachtungsweise aufgegeben zugunsten einer Erörterung in theoretischer wie wissenschaftlich-experimenteller Perspektive über den umfangreicheren wie übergeordneten soziologischen Begriff des "Vorurteils". Denn die Prägekraft des Vorurteils für gesellschaftliche Meinungsbildung sei nicht zu unterschätzen. Radikale Ideologien wie Theorien, welche unfähig sind zur Diagnose bzw. Gestaltung einer komplexen wie vernetzten Wirklichkeit seien letztendlich nur eine organisierte Form von allseits empfundenen Vorurteilen, aus deren Reservoir die Stammtischparolen ihre Existenz verdanken.
Indem so die einzelne abgrenzbare Stammtischparole in einen gesamtgesellschaftlichen Wirkungszusammenhang integrierbar ist, ist es zum Schutz demokratischer Gestaltungs- wie Beteiligungsrechte umso notwendiger, diese Parolen als populistisches Geschwafel zu entlarven und argumentativ zu entkräften.
Handwerkliches:
Der Autor beläßt es nicht dabei, nur vor der Schädlichkeit dieser Parolen für die demokratische Kultur zu warnen, sondern er katalogisiert wie kommentiert argumentative Gegenformen umfassend und tiefgehend. Desweiteren konfrontiert er ausgewählte Paroleninhalte mit entsprechenden wie wohl recherchierten Fakten. Auskunft darüber geben die allen acht Kapiteln inklusive Vorwort beigefügten Anmerkungs-Verzeichnisse, die ihrerseits beachtenswerte Literatur- wie Sachangaben enthalten. Damit ist die Gefahr gebannt, dieses an sich kurze Buch als emotional aufgeladenen Betroffenheits-Essay zu verunglimpfen.
Diese mögliche Einschätzung ist auch verhindert worden durch die Hereinnahme von thematisch bezogenen Karikaturen, die, den Text durchsetzend, die Argumente des Autors nur umso mehr hervorheben und verdeutlichen.
Ebenfalls erfreulich aus Lesersicht ist die Tatsache, daß der Verlag die häufigen und manchmal auch umfangreichen Zitate, mit denen der Verfasser seine Auffassungen vertieft, nicht in derselben Schriftart wie den Buchtext gesetzt hat, sondern diese schriftbildmäßig wie graphisch eigenständig hervorhebt. Der Lesefluß ist dabei überhaupt nicht gestört, vielmehr gefällt sogar diese Präsentationsart.
Ausblick:
Zugunsten der Stärkung politischen Bewußtseins wie der Bereitschaft, argumentativ für demokratische Werte einzustehen, ist diesem Buch weiteste Verbreitung zu wünschen.
Bedauerlich ist jedoch nur, daß die Stammtisch-Problematik innerhalb des Textes auf soziale, ethnische wie historische Kontroversen beschränkt bleibt und somit die ökonomische Perspektive bis auf eine kleine Ausnahme im letzten Buchviertel ausgeklammert ist. Denn die wirtschaftliche Verfassung eines Gemeinwesens läßt sich auch - zurückhaltend formuliert - sehr wohl mit gemeinwohlzersetzenden Stammtischparolen interpretieren. Bleibt angesichts dessen nur zu hoffen, daß der Autor sich dieses Umstandes in einer weiteren Publikation mit ebenfalls solcher Güte annimmt.