Die Zusammenstellung aller Solo-Aufnahmen von Martha Argerich bei Deutsche Grammophon ist keineswegs neu, da diese Aufnahmen allesamt schon einmal in der Martha-Argerich-Collection erhältlich waren. Da diese Einspielungen zwischen 1961 und 1983 entstanden, ist die Klangqualität durchaus wechselhaft, aber insgesamt trübt das den Hörgenuß nur wenig.
Argerichs Spiel ist hier gekennzeichnet von dem typischen Feuer ihrer Jugend - Zartbesaitete, die hier möglicherweise filigrane und detailverliebte Interpretationen erwarten, werden sicherlich enttäuscht. Stattdessen versteht es die Argentinierin meisterhaft, den hier ausgesuchten Werken ihren dramatischen Impetus zu entlocken und ungemein dichte und mit breiten Pinselstrichen aufgetragene Einspielungen vorzulegen. Das geschieht zwar bisweilen auf Kosten einiger leichter Ausrutscher (zumal bei Liszts live eingespielter h-moll-Sonate), doch was für ein geringer Preis ist das, wenn man dafür nicht mit den üblichen, steril wirkenden und bis zur Perfektion bearbeiteten Aufnahmen konfrontiert wird! Speziell Liszts h-moll-Sonate und Schumanns Kreisleriana sind hier kongenial eingespielt; die Hin- und Hergerissenheit der Romantiker in ihrer Gefühlswelt ist hier derart greifbar, daß diese Aufnahmen nur jemanden aus Stein kaltlassen könnten. Schumanns 2. Sonate sowie Chopins 2. und 3. Sonate rasen in den schnellen Passagen atemlos dahin und reißen den Zuhörer mit sich fort. Auch das 2. und das 3. Scherzo (bis heute die Referenzaufnahme) spielt Argerich mit viel Sinn für Dramatik und Brillanz. Mit diesem für sie typischen Ansatz werden auch Chopins Préludes zu einem Erlebnis der besonderen Art - man höre nur einmal Nr. 16-18 am Stück und dann Nr. 24 an!
Selbstverständlich trägt dieser Ansatz nicht immer Früchte gleicher Qualität; so wird dem einen oder anderen Argerichs Spiel bei Schumanns Kinderszenen als zu dick aufgetragen oder bei Brahms' Rhapsodien als zu oberflächlich vorkommen. Die impressionistischen Werke eines Maurice Ravel sind ihr speziell bei "Gaspard de la nuit" (eine der Referenzaufnahmen neben Pogorelich und Michelangeli) wie auf den Leib geschneidert. Die Sonatine und Jeux d'eau sind vielleicht ein wenig zu großspurig geraten, aber verstecken muß sich diese Interpretation angesichts ihrer makellosen technischen Qualität trotz allem nicht.
Schließlich noch ein Wort zu Bach: hier erlegt sich die Pianistin offenbar mehr Demut auf als vor anderen Komponisten. Denn selbst wenn ihr Spiel von der Transparenz und Zurückhaltung eines Murray Perahia doch immer noch ziemlich weit entfernt ist, so belegen die hier vorliegenden Werke (und in besonderem Maße die Englische Suite Nr. 2) erneut, daß Argerichs Technik geschliffen ist und vor allem zweckdienlich eingesetzt wird.
Kurzum: ein derart explosives Spiel ist durchaus gewöhnungsbedürftig und kann nicht immer gleich gute Ergebnisse zeitigen, aber viele der hier vorliegenden Aufnahmen zählen nach wie vor zu den besten der hier eingespielten Werke. Diese Box bietet sicherlich jedem einige spannende und neue Ansichten und kann daher nahezu vorbehaltslos empfohlen werden.