Dave Marsh hat die LP die einflussreichste und beste Debüt-LP der Pop-History genannt, kam in dem Jahr heraus, als "The Doors", "Seargeant Pepper" und "The Piper at the gates of Dawn" erschien. Jimi Hendrix wurde der neue Superstar. Die LP hielt sich mehr als ein Jahr in den Charts und 5 Singleauskoppelungen gab sie her.
Es ist schwer zu beschreiben, das Feeling der Songs und des Gitarrenspiels. Es scheint, als habe die E-Gitarre bisher nur Graustufen hervorgebracht, Hendrix die erste Farbpalette. Besonders auf dem Titelsong klingt die Gitarre wie von einem anderen Stern, oder z.B. "51th Anniversary" bringt die E-Gitarre in emotionale Soundregionen, die vorher weder jemand von dem Instrument vermutet hätte noch gehört hatte.
"Electric Ladyland" wird manchmal als sein bestes Werk gepriesen. Ich neige eher zum Debüt, das von für den CD-Sound hier attraktiver denn je klingt. Fast unglaublich, mit welcher Energie und Spielfreude fast sämtliche Songs daherkommen. Besonderes Lob verdient das pulsierende und vielschichtige Drum-Spiel Mitch Mitchels. Kaum ein Solo-Star hatte seinem Schlagzeuger einen solch breiten Raum zugelassen, mir fällt im Moment nur Elvin Jones von John Coltranes Quartett ein, evtl. noch Keith Moon oder Ginger Baker. Im Gegensatz zu den Psychedelic-Bands jener Jahre, die solcherlei auf 30-minütigen Improvisationen einem eingeschworenem Stammpublikum lieferten, brachte die Experience eine Masse an radiotauglichen Songs um 3 Minuten, die an Spielfreude, Innovation, seltsamen wie attraktiven Melodien kaum zu überbieten waren. Popmusik wurde jetzt auch von der seriösen Presse ernst genommen.
- Manic Depression - hier liefern sich Hendrix und Mitchell geradezu ein Duell.
- Third Stone from the Sun - auch dieser Track entführt in eine andere Galaxis ohne zu nerven.
- "Hey Joe" - auf der LP vermisste ich einige seiner Singles. Obwohl nicht von Jimi komponiert, wird er wegen des Erfolges seiner Debütsingle damit assoziiert. Die far-out weiblichen Background-Vocals sind ein wenig stärker zu hören als auf LP, genial ist das innovative Intro, das - obwohl jeder Gitarrist es schon geübt hat - kaum mit Worten zu beschreiben ist.
- "The Wind Cries Mary", eine 'ruhige Single mit schöner Melodie, die ebenfalls auf keinem offiziellen Album erschien.
- Purple Haze, ein wildes Heavy-Riff, der Text scheint sich zeittypisch um Drogen zu drehen.
- Fire und Foxy Lady sind sehr heavy und handeln von bodenständigeren Themen (wie die meisten Tracks) Frauen und Erotik. Besonders im Mittelteil von "Fire" kommt das Riff so schwer wie ein Panzer daher.
- Rembemer und I don't live today sind weitere Highlights eines Albums, das - so finde ich - keinen einzig schwachen Song(einschl. der Bonus-Tracks) hat.
Der frühe Tod Hendrix macht im Angesicht der emotionalen Wucht seines Spiels noch heute betroffen. Viele Jugendzeitungen der frühen Siebziger betrauerten den Star und warnten gleichzeitig von der "Live Fast - Die young" Lebensart.
In der Tat ist auf "Are you Experienced" und "Electric Ladyland" mehr Energie und Innovation drauf als auf manch gesamten 30-jährigen Lebenswerk anderer Stars.
Ein Musiker der Klassik hat mal gesagt, daß die Popmusik des 20. Jh nur 2 Genies hervorgebracht hatte: Jimi Hendrix und (?) Syd Barret. Beide extrem innovativ und kurzlebig.
Ich kann mir keinen Hendrix in der Musiklandschaft der Siebziger oder Achtziger Jahre vorstellen, ein typischer Star der späten Sechziger. Ich hielt sein Spiel für nicht kopierbar, in Würzburg aber hat sich eine Gruppe seines Namens (mit weiblichen Vocals) seinen Songs verschrieben, die beinahe original klingen.
"Are you Experienced" ist ein Pflichtkauf, genauso wie "Electric Ladyland". Wer Hendrix-Fan ist, kaufe sich noch "As Bold as Love" und seine Tracks von Woodstock. Man lasse die Finger von irgendwelchen ausgegrabenen Live-Aufnahmen oder unentdeckten Tracks. Das meiste klingt mehr als miserabel und zeigt einen scheinbar ausgebrannten Hendrix, der von einem kritiklosen "hey man, its cool, far out, ..." Kiffer-Publikum (über das sich Frank Zappa schon 1966 lustig gemacht hatte) bejubelt wurde, selbst wenn er schlecht spielte, seine Musik nicht verstanden und sie nur zum Antörnen missbrauchte. Aber mit seinem Debüt hat er einen Platz im Musikpantheon des 20. Jh.