OK, ich war vorgewarnt und hatte mich nach dem Studium der Rezensionen hier und nach den meist schwachen Reviews in der Fachpresse und im Web seelisch darauf vorbereitet, eins der vielen lahmen Billigtablets zu erhalten, das nur von Leuten gelobt wird, die entweder keine Vergleichsmöglichkeiten haben oder die sich selbst nicht eingestehen wollen, ihr Geld in den Sand gesetzt zu haben. Ich hatte schon Geräte von Mobipocket, Creative Labs und Pearl in der Hand und wusste: so was brauche ich ganz sicher nicht.
Aber das war zum Glück nicht so. Kurzum, das 7-Zoll-Archos ist wirklich nicht verkehrt, wenn man sich ein bisschen Mühe damit gibt. Und ums Lesen kommt man auch nicht herum. Aber die Hardware fühlt sich tatsächlich ziemlich wertig an, der Touchscreen und der Lagesensor reagieren ganz ordentlich und richtig schwere Bugs sind mir nicht begegnet.
Ja, das Display spiegelt recht stark und ist auch blickwinkelabhängig - aber auch das bleibt am oberen Ende der Skala dessen, was man für diesen Preis erwarten kann. Und dass man keinen Zugang zum Android-Market hat, mag ja noch egal sein - aber damit hat man auch ein Gerät, dass wegen der fehlenden Bindung an ein "primäres Google-Konto" an anderen Google-Diensten nicht richtig teilnehmen kann und auf dem auch etliche Fremdanbieter-Apps Probleme haben, wenn sie Daten mit Webdiensten oder anderen Geräten synchronisiern wollen.
Mittlerweile ist die Frojo-Firmware mit dem Stand 2.3.26 von April 2011 wohl so weit ausgereift und von den dicksten Bugs befreit worden, dass man sie tatsächlich benutzen kann. Auch im Auslieferungszustand (mit Firmware in einer Version 2.3.6, die in dieser Form wohl niemals zum Download veröffentlicht worden ist) waren die ersten Schritte ganz erfreulich.
Jedenfalls ging von Anfang an nicht nur die Standardkost, sondern sogar auch sehr viel von dem, worüber ich mir Sorgen gemacht hatte: Internet-Tethering mit dem Handy per Bluetooth (Nokia C5-00) und per WLAN (Samsung GT-8500 Wave), Zugriff auf SMB-Freigaben auch von Windows 7 (wenn man es dort nicht geblockt hat) - und zwar nicht nur mit den Medienwiedergabe-Apps, sondern auch mit dem mitgelieferten Dateimanager. Auch auf Medien auf einem DLNA-Server kann man problemlos zugreifen und sogar HD-Filme bis 720p per WLAN aufs Gerät streamen, auch im Matroska-Container. Das kann kaum ein anderes Android-Gerät ohne Verrenkungen.
Trotzdem habe ich am zweiten Tag erst mal Hand an das Gerät gelegt und aufgeräumt. Um das ganz deutlich zu sagen: was ich jetzt beschreibe, wäre an sich gar nicht nötig. Es hat aber meinen Spieltrieb befriedigt und das nachgerüstst, was mir fehlte.
Also erst mal in den Recovery-Modus, das Gerät formatiert und die aktuellste Firmware frisch aus dem Web per USB aufgespielt. Dabei gehen dann alle gespeicherten Daten, aber auch die ursprünglich mitgelieferten "Drittanbieter-Apps" verloren, weil sie in der Firmware-Datei nicht enthalten sind - aber das wusste ich vorher und mir war das nur recht - ich würde für die gleichen Zwecke sowieso jeweils andere Software nehmen und so bleibt einem die Deinstallation des Ballasts erspart.
Unschön ist dabei nur, dass man beim ersten Start nach dem Flashvorgang zwar gefragt wird, ob man diese Apps installieren will, obwohl das in diesem Moment mangels Masse gar nicht machbar ist - aber dazu gibt es weder einen Hinweis noch ist der Fehlertext in irgendeiner Art und Weise zielführend. Wenn man diese Apps trotzdem haben will, kann man sie natürlich später vom Archos-FTP-Server herunterladen oder alternativ auch über "Appslib", dem Archos-eigenen Software-Market, kostenlos nachinstallieren. Nur verrät einem das weder die Dokumentation noch das Gerät selbst.
Hat der Laie diese Hürde genommen, steht er plötzlich vor einem weiteren, möglicherweise unerwarteten Problem, denn ausgerechnet die "Appslib"-App gilt ebenfalls als Dritthersteller-Software und fehlt nach dem Flashen ebenfalls, so dass man erst mal gar keinen Zugang zu irgendeinem Market mehr hat. Wer jetzt nicht weiß, wo er im Web die passenden Antworten findet, gibt an dieser Stelle vielleicht schon entnervt auf. Allerdings kann man sich die aktuellste "Appslib"-Version mit wenigen Fingertipps und dem mitgelieferten Browser von der Seite "http://appslib.com/latest" holen und dann ist man wieder dabei.
Nächster Schritt: Zugang zu Googles Android Market verschaffen (Zauberwort: "gAppsInstaller_v5-final.apk") und die Gmail-App nachrüsten ("Google Mail 2.3.4.1.apk").
Den Android Market bekommt man zwar auch mit der App "Arctools" aus dem Appslib-Store nachinstalliert, aber bei dieser Variante tauchte das Gerät dann nicht in der Geräteliste in meinem Market-Konto auf, obwohl ich vom Gerät aus alle Funktionen nutzen konnte. Irgendwas scheint da also anders zu sein als bei der Lösung der XDA-Developers.
In diesem Zustand war das Tablet dann so, wie ich es haben wollte: vom Ballst befreit und mit fast vollwertigem Zugang zum offiziellen Market. Nur fast, weil wegen des fehlenden Mobilfunkteils und des nicht vorhandenen GPS-Empfängers eine ganze Reihe von Apps zumindest auf dem Papier nicht mit dem kleinen Archos zusammenarbeiten und daher gar nicht erst angezeigt werden. Aber die große Masse ist vorhanden und lässt sich installieren bzw. kaufen, so dass man für jeden Zweck schnell das passende Werkzeug findet.
Die Hardware kommt auch mit anspruchsvolleren Spielen wie Fruit Ninja und den Gameloft-Titeln Dungeon Hunter und Uno HD klar. Schonkost wie Angry Birds etc. läuft natürlich sowieso.
Was geht also nicht mit dem Gerät? Man kann das Gerät nicht permanent rooten, weil Teile des Systems im NAND liegen und der root-Zugriff nach dem nächsten Neustart wieder weg ist. Man kann seine Apps nicht auf die SD-Karte auslagern, weil nämlich die eingebauten 8 GB bereits als SD-Karte gemountet sind. Eine zusätzlich eingesteckte 32 GB-Karte eignet sich also nur als Ablageort für Daten und Medien. Und bei der Bildausgabe per HDMI an einen großen Bildschirm wird das eingebaute Display immer noch abgeschaltet und verkommt zum Touchpad, obwohl es genau dabei extrem praktisch wäre, wenn man die Bedienelemente noch sehen könnte. Mit diesen Einschränkungen kann ich aber gut leben.
Mein Fazit ist zwiespältig: Ich finde das Gerät für mich absolut brauchbar und für meine persönlichen Belange hätte es bei diesem Preis-Leistungsverhältnis eigentlich 5 Sterne verdient. Die Medienwiedergabe-Möglichkeiten sind sogar nahezu ein Alleinstellungsmerkmal - da merkt man, dass Archos aus diesem Marktsegment kommt. Ich habe mich jedenfalls in den letzten Tagen sehr mit dem kleinen Ding angefreundet und gebe es nicht mehr her.
Andererseits muss man sich ziemlich intensiv mit der installierten Software auseinandersetzen, sonst bleiben einem Teile des Leistungsumfangs vorenthalten - damit ist es für solche Menschen, die eine Abneigung dagegen haben, an so etwas selbst Hand anzulegen, schon etwas weniger geeignet. Aber auch solche Leute könnten damit glücklich werden, hätten aber wahrscheinlich ihre Schwierigkeiten mit der zu dünn ausgefallenen Dokumentation und mit unlogischen Wiederherstellungsdialogen, also gerade dann, wenn man ein wenig Hilfe am nötigsten braucht. Für diese Klientel wären wohl 3 Sterne deutlich angebrachter, macht im Schnitt also 4.
So viel zu dieser Hardware. Bleibt noch, sich ein paar Gedanken um Android als solches zu machen:
Vergleicht man nämlich das Gesamtpaket aus Hardware, Software und angebotenen Dienstleistungen, dann fällt Android derzeit gegenüber Apple ganz weit zurück. Auch absolute Laien bekommen aus Cupertino Systeme in die Hand, bei denen alles wie aus einem Guss ist. Natürlich erkauft man sich das mit einem System, das auch keinerlei Eingriffe erlaubt, den Benutzer an iTunes fesselt und die Inhaltsanbieter knebelt.
Gerade da wäre ein "offenes" System natürlich eine Alternative - aber beim derzeitigen Stand der Dinge laufen nun mal nicht alle Android-Anwendungen auf allen Android-Geräten, können irgendwelche fernöstlichen Firmen dahingeschluderten Hardwareschund auf den Markt werfen, herrscht nur gut zwei Jahre nach dem Start bereits ein heilloses Wirrwarr an unterschiedlichen Betriebssystemversionen und es fehlt nicht nur die Infrastruktur für In-App-Verkäufe, sondern damit auch gleich ein Großteil solcher Angebote.
Vielleicht sollte man es nicht so negativ sehen: in Android steckt Potential und neue Tablets wie das Galaxy Tab 10.1 mit angepasster Software sind ein großer Schritt vorwärts. Allerdings sind solche Geräte auch kein Stück preiswerter als entsprechende iPads und bieten zwar teils überlegene Hardware, aber kranken dafür an den strukturellen Einschränkungen des "Ökosystems" Android.
Daher glaube ich, dass nicht die Oberklasse-Geräte die Schlacht schlagen werden, sondern eher welche mit deutlich preiswerterer Hardware, die aber jeden Cent wert ist und die dem Benutzer genügend Freiheiten lassen, um sich die Software passend zu machen. Mit Geräten, die Nischen besetzen und da genau richtig sind, wo Handy-Displays zu klein und iPads zu groß sind. Und bei denen der Hersteller auch Monate nach der Veröffentlichung noch an der Firmware feilt.
Eben mit solchen Geräten wie diesem hier.