Kammermusik des Barock ist bei uns weit weniger beliebt als die Kammermusik anderer Epochen. Dazu kommt die Schwierigkeit, dass innerhalb der barocken Musik häufig schwer die Trennlinie zwischen Kammermusik und Orchestermusik gezogen werden kann. Auf dieser Anthologie jedenfalls sind einige Perlen solcher Werke zusammengestellt, deren Besetzung sieben Stimmen nicht überschreitet.
Der Komponist Johann Pachelbel (1653-1706) wäre heute schon längst in Vergessenheit geraten, wäre da nicht sein berühmtes Werk "Canon und Gigue" in D Dur, das immerhin populär genug ist, um die ganze Anthologie danach zu benennen. Es ist ein schwelgerisches, helles Stück voller Schliffe und voller Glanz, das wohl auf ewig seinen Platz innerhalb der bekanntesten Werke der klassischen Musik behaupten wird.
Ein gänzlich unbekanntes Stück vom großen Georg Friedrich Händel ist seine Sonate für zwei Violinen und Cembalo in G Dur op. 5,4 HWV 399. Dabei handelt es sich weniger um eine Sonate als vielmehr eine Suite, denn nach den beiden ersten beiden prägnanten und vielseitigen Sätzen folgen drei Tanzformen. Händel aber arbeitet dieselben zu reizenden, perlenden Charakterstücken um.
Weit bekannter sind die Sonaten für zwei Violinen und Continuo von Antonio Vivaldi. Eine besonders interessante ist die d moll Sonate op. 1,12 RV 63, denn sie ist ein großer Variationssatz über die berühmten "Folies d'Espagne". Dementsprechend geheimnisvoll und dunkel ist die Stimmung dieser Komposition, die damit im krassen Kontrast zum ausgelassenen Werk von Händel steht.
Von den vier Orchestersuiten Bachs, die ja zu den absoluten Repertoireklassikern zählen, ist die zweite im düsteren h moll BWV 1067 die einzige mit kammermusikalischer Besetzung. Alle anderen sind majestätisch und pompös angelegt. Damit zeichnet sich die h moll Suite durch ihre Intimität aus. Der Flöte kommt an vielen Stellen die dominierende Rolle zu.
Eine weitere Orchestersuite ist eingespielt, die allerdings nach dem heutigen Stand der Forschung nicht von Johann Sebastian Bach stammt, sondern wahrscheinlich von einem seiner Söhne. Das Werk, das in g moll steht, offenbart sich schon beim ersten Hören als ganz untypisch für Bach. Auch die Tänze - Torneo, Capriccio - finden wir beim Thomaskantor nirgends. Dennoch hat das Werk seine Reize. Schon alleine die dynamische Ouvertüre - die allerdings nicht als solche bezeichnet wird - weiß zu überzeugen. Von besonderer Schönheit ist das Adagio in Form einer Air, deren hüpfende Melodik sogleich in ihren Bann zu ziehen vermag.
Auf den Klang von Originalinstrumenten möchte ich schon lange nicht mehr verzichten. Die Musica Antiqua Köln bietet die vorliegenden Stücke transparent, technisch brillant und fesselnd dar. Unter der Federführung des Geigers Reinhard Goebel nahmen sie diese Kleinodien 1982 und 1983 auf - ausgezeichnete Aufnahmequalität! Sie betonen deutlich den kammermusikalischen Habitus vor allem der beiden Orchestersuiten und Pachelbels Canon, die viele Dirigenten im letzten Jahrhundert ja nur zu gerne mit einem schleimigen, romantischen Zuckerguss benetzt haben. Ihr Zusammenspiel ist brillant. Ihre Deutung ist differenziert, pointiert und fließend akzentuiert, ohne allerdings über die - für unsere Ohren - eckigen Stellen hinwegzuwischen. Ein Album, das zurecht in die Reihe der "Archiv Masters" aufgenommen wurde.