‚Architektur für das neue Jahrtausend - Baukunst der neunziger Jahre in Berlin' lautet der etwas vollmundige Titel des Bildbandes von Falk Jäger. Klappern gehört bekanntlich zum Handwerk und Falk Jäger versteht sein Handwerk. Seine scharfzüngigen Kommentare gleichen spitzen Pfeilen, die treffsicher im Ziel landen.
Die Fotografien steuert Christina Bolduan Zanga bei. Auch ihr ein Kompliment für die nicht einfache Aufgabe, sich pro Bauobjekt mit zwei, maximal drei Fotos begnügen zu müssen. Die Perspektiven sind klasse. Schade nur, dass Architekturfotografie (all zu) oft schwarz-weiß Fotografie bedeutet. Ich hätte mir hie und da mehr Farbe gewünscht; zumal wenn der Text mit den Worten „Welch ein swing! Welche Farben!" einsetzt.
Der Hochglanz Bildband präsentiert mehr als 60 Objekte Berliner Baukunst der letzten Dekade des 20. Jahrhunderts. Jedes Objekt wird ausführlich mit Lageplan und Grundriss dargestellt.
Im Vorwort stellt Jäger die Frage, was kommt nach der Postmodernen der achtziger Jahre; welche Bezeichnung ist angebracht für das Bauen der neunziger Jahre. Die Antwort ist offen, zu viele Elemente kennzeichnen die Periode: der Dekonstruktivismus eines Frank O. Gehrys oder Daniel Libeskinds; der Rationalismus eines Oswald Matthias Ungers oder eines Jürgen Sawades aber auch der Dynamismus eines Matthias Sauerbruchs und einer Louisa Hutton.
Keine europäische Stadt hat sich stärker verändert als Berlin nach der Maueröffnung. Die Bauvorgaben des Berliner Senats waren streng: steinernes Berlin - keine Glaspaläste, keine Stahlkolosse. Die Namen der Baumeister, die daran mitgewirkt haben, liest sich wie das who-is-who der internationalen Architektengilde: Helmut Jahn, Frank O. Gehry und Philip Johnson aus Amerika, Sir Norman Foster und Nicholas Grimshaw aus England, Jean Nouvel und Dominique Perrault aus Frankreich, Renzo Piano und Aldo Rossi aus Italien, Arata Isozaki und Shin Takamatsu aus Japan; um nur einige große Namen zu nennen. Doch Jäger schränkt ein: "Nicht immer haben die Großmeister auch die beste Architektur abgeliefert".
Die deutschen Baukünstler nutzen ebenfalls die Gelegenheit, sich auszuzeichnen. Das Jüdische Museum etwa von Daniel Libeskind mit seiner Metallhaut und den eingesäbelten Fensterschlitzen gilt bereits heute als Kultstätte. „200.000 Besucher haben das leere Museum in den beiden ersten Jahren besucht".
Axel Schultes und Charlotte Frank werden von Jäger gleich doppelt gelobt. Ihr Bundeskanzleramt feiert er als „großartiges Bauwerk" und „Architekturerlebnis". Das Krematorium in Treptow überzeugt durch seine Gestaltung des leeren Raumes und der Licht- und Schattenspiele.
Der quadratische Schematismus des Oswald Matthias Unger findet ebenfalls Lob. Der Ausbau der 900 Millionen Euro teueren Messehallen wird von Jägern mit den Worten „betörende Stringenz" bezeichnet. Anders dagegen sein Ensemble in der Friedrichstadtpassage. Dieses Bauwerk bezeichnet Jäger „zum Gähnen langweilig".
Josef Paul Kleihues ist ebenfalls Rationalist par Excellanze. Der Wiederaufbau der Häuser Liebermann und Sommer, die das Brandenburger Tor flankieren, sind so betörend preußisch klassizistisch, dass Jäger die Frage stellt: „Darf man heute so bauen?" Seine Antwort lautet: "...wenn nicht am Pariser Platz in Berlin, wo sonst?"
„Das Adlon ist ein Ärgernis." Als „blutleere, mediokre, second-hand-Architektur" charakterisiert er den 220 Millionen Euro teueren Neubau des Grand Hotels. Dieser „gediegene Salonklassizismus" ist für Leute mit Geld aber ohne Geschmack gebaut worden: „Man wohnt hier ... weil es nichts teureres gibt". Das Interieur besteht aus einem wahllosen Sammelsurium von Kopien unterschiedlicher Zeitepochen. Bei aller Kritik ist Jäger so ehrlich, die „prächtige Sandsteinfassade auf granitenem Sockel" zu loben - keine „vorgehängte Sandsteintapete wie beim benachbarten Plattenbau des Bundestagsgebäudes".
Christoph Mäckler aus Frankfurt ist ein Meister, der den genius loci sucht und findet: „Architekt Christoph Mäckler hat den Kontext aufmerksam studiert, ist mit Zollstock und Skizzenblock durchs Quartier gezogen und hat festgehalten, wie die Altvorderen Steine zum Sprechen brachten". Massiv und monumental residiert der Lindencorso im Zentrum der Friedrichstraße und rückt damit der faschistischen Bauweise sehr nahe, was ihm auch Kritik einbrachte. „Architektur, die hundert Jahre hält", ist das Credo Mäcklers. Fragil und schwerelos schwebt jedoch sein Treppenhaus in der Taubenstrasse. Welche Gegensätze!
Ein neues Wahrzeichen im Westen der Stadt haben die beiden Architekten Hilde Léon und Konrad Wohlhage geschaffen. Hoch über der Stadtautobahn, weithin sichtbar thront ein siebenstöckiges Bürohaus auf einem Sandsteinsockel. Den Namen verdankt das Bauwerk seiner zitronenförmigen Form. Jäger sieht darin das „Fanal einer Architektur der späten neunziger Jahre", die mit ihrem „Dynamismus beim Ankömmling Erwartungen weckt, die er beim weiteren Besuch der Stadt leider allzu selten erfüllt sieht."
Nachdem die Bauboomphase verebbt ist und die Baukräne aus dem Stadtbild verschwunden sind, wird der Blick frei auf eine Stadt, die den architektonischen Vergleich mit den anderen Metropolen nicht zu scheuen braucht. Berlin ist eben eine Reise wert!