Aus der Amazon.de-Redaktion
Kaum eine Baugattung dürfte so viel über die künstlerischen Intentionen und die Persönlichkeit eines Architekten verraten, wie das Haus, das sich der Künstler selbst für sich und seine Familie errichtet. Nur dort, wo Baumeister und Bauherr in einer Person zusammenfallen, kann davon gesprochen werden, dass sich ein annähernd idealtypisches Bild des künstlerischen Genius spiegelt -- natürlich abzüglich der baurechtlichen und technischen Widerstände bei der Realisierung der reinen Idee. Nach einer vor mehr als zehn Jahren stattgefundenen Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt am Main, die sich vor allem historischer "Künstlerhäuser" angenommen hatte, erschließen nun endlich Jean-Louis André und Eric Morin dieses Thema für die gegenwärtige Architektur. Die Journalisten und Architekturkritiker bzw. Fotografen versammeln in ihrer großformatigen und ansprechend gestalteten Publikation aufsehenerregende Häuser von europäischen, japanischen und US-amerikanischen Architektenstars. Deren Stil kommt nicht zuletzt in ihrer eigenen Privatsphäre zum Ausdruck.
Die Autoren suchten siebzehn international renommierte Architekten auf, unter ihnen Ricardo Bofill, Paul Chemetov, Hiroshi Hara, Paolo Portoghesi, Robert Venturi und Denise Scott Brown, Oswald Mathias Ungers oder Bernard Tschumi, um nicht nur deren private Wohnbauten zu charakterisieren, sondern auch, um ihre Bauherren, Baumeister und Bewohner zu porträtieren. Aus dieser doppelten Perspektive ergeben sich komplexe Einblicke, die über die architekturgeschichtliche Relevanz dieser Publikation hinausgehen und veritable Charakterstudien entstehen lassen. So könnte es keine größere Diskrepanz geben als zwischen dem kathedralenhaften Eindruck eines Fabrikumbaus durch Ricardo Bofill in Barcelona und der unprätentiösen zeitgenössischen Modernität des Wohnhauses von Richard Rogers in London, oder zwischen der lauten, bunten und alle Register stilistischer Allusionen ziehenden Villa Heinrich Stöters an der Hamburger Elbchaussee einerseits und der extrem meditativen Formreduktion von Shoei Yohs Haus in Itoshima über der japanischen Küste.
Egal nun, ob man die hervorragenden Fotografien dieser Publikation betrachtet oder sich den Text-Porträts widmet: Dieses notwendige Buch ist nicht nur ein ästhetischer Genuss, sondern genauso eine hochinteressante Studie. --Dr. Ernst Seidl
Kurzbeschreibung
Warum interessieren uns Häuser und Wohnräume, die Architekten für sich selber entworfen und gebaut haben? Ist der Architekt nur dann Herr seiner Ideen, wenn keine Vorgaben vom Bauherrn seine kreativen Höhenflüge einschränken? Was dabei herauskommt, wenn sie für sich selber bauen, schildert uns Jean-Louis André, der siebzehn Architekten auf der ganzen Welt besucht und befragt hat. Er präsentiert ein breites Spektrum an Lebensformen und architektonischen Strömungen. Welten liegen zwischen der Architektur des jungen Hamburgers Heinrich Ströter und der Bauweise des Japaners Shoei Yoh, dessen minimalistisches Haus wie ein gläserner Quader an der Meeresküste auf einem Felsen balanciert. Während einige betonen, dass sie so frei nur für sich selbst bauen konnten, gesteht Oswald Mathias Ungers: Wenn ich ehrlich bin, habe ich immer nur für mich gebaut. Er geht sogar noch einen Schritt weiter: Mit meinen eigenen Häusern gelangen Sie direkt ins Herzstück meines Werks Sie erfahren, woran mir am meisten liegt. Wie immer sie wohnen, das eigene Haus stellt eine Herausforderung dar, ein Ziel, mit dem sie sich einen ganz individuellen Traum erfüllen. Das Haus des Architekten ist die Essenz seines künstlerischen Credos. Éric Morin hat in einer faszinierenden Fotoreportage die persönlichen Bauwerke der Architekten festgehalten und führt uns damit an die Ursprünge schöpferischer Phantasie.