Wenn man geradezu klassische Beispiele für ein mit Geld überhäuftes, aber durchweg unfähiges Management in der deutschen Wirtschaft sucht, dann bieten die letzten vierzig Jahre der Firmengeschichte von Arcandor und seiner Vorgänger dafür viele Kandidaten. Hagen Seidel hat in seinem sehr gut geschriebenen Buch den langen Weg dieses Unternehmens in die Pleite nachgezeichnet. Dabei sieht man sich mit der erschreckenden Tatsache konfrontiert, dass niemand in der Unternehmensführung über diese lange Zeit wirklich begriff, dass das Kerngeschäft nicht mehr funktionierte und an veränderte Bedingungen angepasst werden musste.
Die Struktur der Geschäfte in den Zentren deutscher Großstädte sieht heute völlig anders aus als noch vor vierzig Jahren. Fast überall findet man eine oder mehrere "Galerien" mit großen Spezialmärkten und vielen kleinen Geschäften, Cafes und Restaurants, die die Idee des Kaufhauses weiterentwickelt haben. Dagegen wirken Karstadt-Häuser eng und bieder. Ihr Angebot steht zu allem Überfluss dem ersten Eindruck meist nicht nach. Mit der aufkommenden Konkurrenz sah sich Karstadt erstmals in den siebziger Jahren konfrontiert. Auch der Aufbau großer Kaufparks auf der grünen Wiese zog bereits damals Kaufkraft aus den Warenhäusern im Zentrum ab. Darauf fand Karstadt nie eine wirkliche Antwort.
Der Autor hat sein Buch sehr übersichtlich aufgebaut. Zunächst befasst er sich kurz mit Geschichte von Karstadt. Hier fällt insbesondere der langjährige Chef Deuss auf, der bereits die beginnende Dauerkrise des Kerngeschäfts ignorierte und sie schon damals mit Immobiliengeschäften kaschierte. So kam er zwar niemals in die roten Zahlen, legte dafür aber den Grundstein für die spätere Pleite und gab den weiteren Irrweg vor, dem alle späteren Bosse treu blieben. Statt Antworten auf veränderte Bedingungen im Kerngeschäft zu finden, wurden bereits unter Deuss ohne eine wirkliche Gesamtstrategie fast pausenlos andere Unternehmen aufgekauft, darunter der schon damals marode Neckermann-Versand.
Als dann gegen Ende der neunziger Jahre einige Großaktionäre von Karstadt "Papa" Deuss und seiner unseligen Unternehmenspolitik die Stirn boten, kam es in einer Wochenend-Aktion zum Zusammenschluss von Karstadt und Quelle. Deuss war mit diesem Schritt die Hertie-Stiftung sowie die Deutsche und die Commerzbank los und hatte sie durch die eher harmlosen Schickedanz-Erben und ihren farblosen Quelle-Versand ersetzt. Den Schickedanz-Erben schien der Deal geradezu genial zu sein, denn die Karstadt-Immobilien waren in ihren Augen mehr wert als das ganze Unternehmen. Wie kurz das gedacht war, sollte sich später zeigen.
Danach beschreibt der Autor chronologisch die jährlichen Abläufe beginnend mit 2003. Nur gelegentlich unterbricht er seinen Bericht durch Ausführungen zu den handelnden Personen oder für eine Analyse von Geschäftsfeldern des neuen Konzerns. Wie so oft bei Unternehmensfusionen treten die erträumten "Synergie-Effekte" nicht ein. Das ganze Gegenteil findet statt: Die unterschiedlichen Kulturen und Strukturen lassen sich nicht vereinen und bekämpfen sich sogar.
Da das Kernproblem von Karstadt auch weiter beharrlich ignoriert wird und nun auch noch die Quelle-Umsätze wegbrechen, wird die Lage des Konzerns immer bedrohlicher. Und wie so oft in solchen Situationen bleibt das anderen nicht verborgen, womit in der Regel die Endphase des Untergangs eingeleitet wird, die auch durch kreative Bilanzakrobatik nicht mehr aufgehalten werden kann. Den Vogel dabei schießt zweifellos der vorletzte Chef Thomas Middelhoff ab. Er verkauft darüber hinaus den größten Teil der Karstadt-Immobilien und mietet sie dann zu merkwürdigen Bedingungen zurück. Zunächst stellt er diese Aktion als große Entschuldung und Zeitgewinn für Arcandor dar. Doch die umsatzabhängigen Mietbedingungen führen den Konzern letztlich in den Untergang.
Eine besonders merkwürdige Rolle in diesem ganzen Prozess spielten die ehemalige Privatbank Sal. Oppenheim und die Großaktionärin Schickedanz. Frau Schickedanz kaufte ohne Unterlass Aktien von Arcandor gegen Kredit bei Sal. Oppenheim, während die Bank diese Kredite mit den Aktien der Kreditnehmerin absicherte. Dieses aberwitzige Geschäft geriet mit fallenden Arcandor-Kursen heftig ins Trudeln. Zu allem Überfluss fiel dann den Chefs von Sal. Oppenheim nichts Besseres ein, als dem schon in Agonie liegendem Konzern auch noch einen riesigen Kredit zu geben. Nun gehört Sal. Oppenheim der Deutschen Bank, und Frau Schickedanz hat über drei Milliarden Euro verloren. Dummheit wird gelegentlich dann doch bestraft.
Insbesondere Middelhoff und Schickedanz sind längere Ausführungen am Ende des Buches gewidmet. Leider ist die ganze Arcandor-Geschichte ein einziges Trauerspiel hochbezahlter, aber unfähiger Akteure, die in diesem Buch detailliert beschrieben wird. Niemand dieser Herren, wohl auch nicht die Großaktionärin Schickedanz, hat sich jemals in eines der Karstadt-Häuser begeben und mit den Mitarbeitern über die Unternehmensabläufe gesprochen. Stattdessen haben sie alle das auf der Hand liegende Kernproblem des Konzerns ignoriert und durch konzeptionslosen Aktionismus zu überdecken versucht. Dass ungelöste Probleme nicht verschwinden, sondern in der Regel zur Unzeit zurückkehren, lässt sich am Beispiel von Arcandor besonders gut verfolgen.
Fazit.
Ein sehr gut geschriebenes und sehr erhellendes Buch über ein trostloses Stück deutscher Unternehmensgeschichte, das die hier kurz vorgestellten Ereignisse ausführlich und im Detail schildert.