Warum sollte jemand heute diesen Text aus den frühen 30er Jahren lesen? Warum sollte man sich ausgerechnet mit "Arbeitern" beschäftigen, die es bekanntlich in ihrer klassischen Form als Industrieproletarier im heutigen Europa immer seltener gibt?
Wenn man sich auf Jüngers "Arbeiter" einlässt, stellt man fest, dass vom Aussterben des Phänomens keine Rede sein kann. Und dass die Faktoren, die gemäß Jüngers Diagnose das Leben des modernen Menschen determinieren, sich auch durch Zweiten Weltkrieg, Kalten Krieg und nachfolgenden Turbokapitalismus nicht substanziell geändert haben und wir uns nach wie vor, wie schon Jünger 1930, fragen müssen, was in der Zeit seit Beginn der Industrialisierung eigentlich vor sich geht. Letztlich haben alle Umwälzungen des 20. Jahrhunderts dazu beigetragen, die Herrschaft des "Arbeiters" zu komplettieren und zu festigen. Und auch in der heutigen postindustriellen Gesellschaft mit immer mehr Personen, die aus dem Arbeitsleben herausfallen, bleibt der "Arbeiter" (neuzeitlich würde man vielleicht sagen: das "Leistungsprinzip") das Maß aller Dinge.
Man kommt allerdings kaum umhin, den Begriff "Arbeiter" in Anführungszeichen zu setzen, denn mit Soziologie oder Politikwissenschaft und somit mit den gewohnten Konnotationen hat Jüngers Sicht nichts zu tun. Es geht dem Autor, wie imgrunde in allen seinen Werken, um die Erfassung eines transzendenten Sinngehalts.
Wer ist dieser "Arbeiter"? Es handelt sich um den modernen Menschen schlechthin. Jeder Mensch, der sein Leben an "Zwecken" ausrichtet und sich technischer Hilfsmittel in Arbeit oder Freizeit bedient, ist ein "Arbeiter". Mit anderen Worten, der "Arbeiter" ist die heutige Art, das Leben zu interpretieren und zu leben. Eine Art, die seit der Französischen Revolution verstärkt nach der Macht gegriffen und sich dabei bis heute auch der bürgerlichen Ideale von Freiheit und Gleichheit bedient hat. Dabei werden jedoch für den Einzelnen mit fortschreitender Machtergreifung des "Arbeiters" die Wahlmöglichkeiten immer geringer. Denn es geht nach der modernen Weltauffassung eigentlich nicht um wirtschaftliche oder politische Freiheiten, auch wenn die Propaganda das ständig vorgaukelt. Allerdings geht es um Gleichheit: Gleichheit im Sinne von Gleichschaltung, von Totalität. Jünger versucht nachzuweisen, dass die Herrschaft des "Arbeiters" dem Einzelnen letztlich wesentlich weniger Freiräume lässt als frühere Formen der Weltauffassung.
Darüber kann man gewiss streiten. Dass jedoch die moderne Weltauffassung allein durch die Hilfsmittel der Technik mehr Möglichkeiten zur totalen Herrschaft besitzt als etwa das mittelalterliche Christentum, dürfte unbestreitbar sein. Jünger macht den Leser an diversen Stellen durch provokante Bemerkungen darauf aufmerksam, wie wirkmächtig sich die neue "Religion" inzwischen die Gedanken und Vorstellungen unterworfen hat. Wer käme beispielsweise auf die Idee, die heutigen Vorstellungen vom "unendlichen" Weltraum für eine Art religiöse Überzeugung zu halten, deren Wahrheitsgehalt sich von der mittelalterlichen gar nicht wesentlich unterscheidet? Wer sich auf Jünger einlässt, muss bereit sein, unhinterfragte Gewissheiten in Zweifel zu ziehen.
Jüngers Zugang zu seinem Gegenstand ist ein phänomenologischer, er versteht sich als Beobachter. Wer vor allem Wahrnehmungen beschreiben will, muss sich Wertungen weitgehend enthalten. Jünger betont dies zwar immer wieder, aber der Leser spürt dennoch, wo die Sym- und vor allem die Antipathien des Autors liegen. Von Anfang an schwingt denn auch im Text die Frage mit, wie sich der Einzelne gegenüber dem totalen Herrschaftsanspruch des "Arbeiters" verhalten sollte? Jünger hat diese Frage in seinem Leben unterschiedlich beantwortet. Aber er hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass die Herrschaft des "Arbeiters" ein Siegel unserer Zeit ist, unter dem wir alle stehen.
Auch wenn Jünger heute oft zugestanden wird, wesentliche Entwicklungen früher als Andere erkannt und in ihrem Kern beschrieben zu haben, wird sich der Leser damit abfinden müssen, dass einiges in diesem Text auch dem Geist der Entstehungszeit verhaftet bleibt. Dies betrifft in erster Linie die Diktion, die im "Arbeiter" noch stark vom Soldatischen und Patriotischen gefärbt ist. Wer darüber nicht hinweglesen kann, verfällt schnell dem Irrtum, Jüngers Aussagen und Erkenntnisse seien überholt. Dem ist keineswegs so - nie war der "Arbeiter" aktueller als heute. An vielen Stellen des Buches stellt man sogar mit tiefem Erschrecken fest, wie wenig sich imgrunde seit 1930 verändert, bzw. wie vieles sich weiter erheblich verschärft hat. Dies gilt vor allem für das sich immer noch steigernde Veränderungstempo und die damit zusammenhängenden Unsicherheiten in den Lebensplanungen der Individuen. Jüngers "Arbeiter" zeigt uns nicht, wie wir von dem immer schneller beschleunigenden Zug abspringen könnten, aber er ermutigt uns, bei der Fahrt die Augen offen zu halten.