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4.0 von 5 Sternen
Eine armenische Leidensgeschichte, 26. Mai 2004
Rezension bezieht sich auf: Ararat [UK Import] (DVD)
Die Filme des Kanadiers Atom Egoyan sind Scheibe um Scheibe um einen sensiblen Kern gebaut. Wer sie auf der Leinwand anschaut nimmt an einer Art Enthüllung teil. Dieser Regisseur kenn kein intaktes „Daheim", er kenn einfach nur die stete Sehnsucht danach. Und was auf diese Art für die äußere Form seiner Filme gilt, gilt bei ihm auch für die Menschen die er darin auftreten lässt, deren Handlung er uns mit Präzision darstellt: Sie alle sind nur Bruchstücke einer großen Besetzung.
Dieser Vorspann war nötig, denn im Mittelpunkt dieses Films „Ararat" steht eben ein solches Familienfragment. Ani (Arsinée Khanjian), eine Expertin für armenische Malerei, hat einen Sohn, Raffi (David Alpay), und eine Stieftochter, Celia (Marie-Josée Croze). Raffi und Celia haben intensiven Geschlechtsverkehr miteinander, während zwischen Ani und dem Mädchen Krieg herrscht. Celias Vater, Anis zweiter Ehemann, hat vor einigen Jahren Selbstmord begangen, und die Jüngere gibt der Älteren die schuld an diesem Selbstmord daran. Anis erste Ehemann ist bei einem Attentatsversuch getötet worden, und mit diesem Hinweis können wir die erste Scheibe in Egoyans Film entfernen.
Der Anschlag, der eigentlich einem türkischen Botschaftsangestellten galt, war Teil einer Vergeltungsaktion von Exilarmeniern, die für den Genozid des Jahres 1915 späte Rache üben wollten. Damals ließ die türkische Militärregierung ungefähr eineinhalb Millionen Menschen armenischen Ursprungs hinrichten. Bis heute wird dieses grausame Verbrechen von der Türkei offiziell verleugnet.
Nun, am Ende dieses 20. Jahrhunderts, will der aus diesem Armenien stammende Filmregisseur Edward Saroyan (Charles Aznavour) das Martyrium seines Volkes, für alle Welt sichtbar, endlich als Film auf die Leinwand bringen. Charles Aznavour ist wie Egoyan armenischer Abstammung. Es geht um Blutsbande in „Ararat". Und es geht schlicht und einfach um die glaubhafte Darstellung einer bestimmten Geschichtsschreibung. Sind es nur Verblendung und Stolz, die den Weg zur wirklichen historischen Wahrheit immer wieder versperrt haben?
Das Filmprojekt, an dem Edward Saroyan arbeitet, erzählt von dem Untergang der Stadt Van, bei der der junge Künstler Arshile Gorky (Simon Abkarian) Augenzeuge war. Dieser Arshile Gorky ist in diesem Film als Künstler, Filmfigur und als Geschichtszeuge besetzt. Ani, die sich auf das Werk des Künstlers spezialisiert hat, gilt dem Produzenten als umsichtige Beraterin.
In einer Szenenfolge - die sich historisch jedoch nicht beweisen lässt - sieht man den Maler vor einer Staffelei stehen, auf der das Porträt seiner von türkischen Soldaten getöteten Mutter zu sehen ist. Das ist der eigentliche brisante Kern dieses Films, mit seinen vielen Schachtelgeschichten. Am Ende des Films nimmt der Künstler weiße Farbe und verdeckt damit unwiederbringlich die Hände der Frau auf dem Gemälde. Arshile Gorky hat sich 1948 das Leben genommen und Egoyan erzählt uns warum.
Das alles klingt doch recht kompliziert. Einfacher wird es auch nicht durch die Szene auf dem Flughafen von Toronto. Dort verhört ein Zollinspektor (Christopher Plummer) Anis Sohn Raffi, weil er in den mitgeführten Filmdosen Drogen vermutet. Er erklärt ihm, es sei Dokumentationsmaterial für den Film „Ararat". Der Beamte glaubt ihm uneingeschränkt, denn der ausgerechnet Lebensgefährte seines Sohnes spielt in dem Film eine Hauptrolle als türkischer General. Doch sein Instinkt sagt ihm trotz allem, dass er betrogen wird. In ihm spielt sich ein starker Gewissenszweikampf ab, der den Film jeden Moment aus dem Ruder laufen lassen könnte. Der Film endet schließlich mit der Premiere des „Kinoprojekts".
Den Regisseur Atom Egoyan, der es sich damit hätte einfach machen können, eine filmische Expedition in das Jahr 1915 aufzuzeichnen, interessiert vielleicht nicht die reine „Wahrheit", sondern nur das Verwirrspiel subjektiver Ansichten und offizieller Irrungen, als das sich diese „Wahrheit" bei gezielter Betrachtung präsentiert. Von dieser in Hilfe genommenen künstlerischen Freiheit und der zwingenden Notwendigkeit sie immer wieder als „Mittel der Wahrheitsfindung" einzusetzen, davon handelt eigentlich dieser Film. Kino, das zeigen uns viele Passagen diese Films, kann tatsächlich ein Vorwand für vieles sein - Liebe, Rache, Sex, persönliche Bereicherung, Tod und Wahheitsfindungsdrang - es kommt eben nur darauf an wie man die Inhalte exakt definiert. Und der Film Saroyans, der Film im Film, zeigt wie die Rekonstruktion der geschichtlichen Zusammenhänge einfach so misslingen muss. Aber Egoyan hat es sich mit seinen Filmen eigentlich noch nie einfach gemacht, er versteht es die „Außenhaut" der Geschichte aufzureißen In seinen Filmen reißt er die Außenhaut der Geschichten auf, um dann die Worte und Gefühle der Akteure zu zeigen und dem Betrachter viel Raum für Interpretationen zu lassen.
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5.0 von 5 Sternen
Genialer Film, heikles Thema, 13. April 2008
Rezension bezieht sich auf: Ararat [UK Import] (DVD)
Interessant ist, daß die deutsche Fassung eines politisch unbequemen Filmes/Buches mal wieder nicht erhältlich ist. Ob dahinter politische Zensur oder banale Marktmechanismen stecken, oder eine Verbindung zwischen Beidem besteht - darüber kann man sich trefflich streiten. Fakt ist, daß das straffreie Begehen und erfolgreiche Verschweigen eines Völkermords keine Ausnahme ist - aktuelle Beispiele wären Ost-Timor, Tschetschenien, die Kurdengebiete usw. usf. Voraussetzung für den "Erfolg" ist natürlich, daß die Verbecher "unseren" Interessen (=denen unserer selbsternannten "Eliten") dienen.
Zum Film kann ich Interessierten den deutschen Wikipedia-Eintrag empfehlen. Der Film ist schon mal eindeutig sehr intelligent und sehenswert.
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